Erzählungen

Abgeholt

„Sie sind am Fenster gestanden und haben geschrien, als sie abgeholt wurden“, sagte Jahrzehnte später die Tochter des damaligen Gemeindearztes zu mir. „Mein Vater konnte es nicht verhindern. Sie haben sich an die Fenstergitter geklammert, weil sie vielleicht instinktiv gespürt haben, was ihnen bevorsteht. Dann hat man sie hinausgeführt zu den Autos, die mit ihnen wegfuhren. Niemand hat danach darüber geredet, weder damals noch später; alles wurde verschwiegen, bis heute.“ Wieviele es gewesen seien, fragte ich die Frau, die ich zufällig in Salzburg getroffen hatte. Das könne sie nicht genau sagen, einige seien es gewesen, sechs oder sieben. Kurze Zeit später wurde das Krankenhaus dann überhaupt geschlossen, die Ordensschwestern mußten es verlassen, kamen in das Zollhaus an der Grenze oben, weit vom Ort entfernt.

Depperln“ seien sie alle gewesen, gutmütige, Narren halt; „geistig behindert“, würde man das heute nennen; „Lebensunwertes Leben“ hatte es damals geheißen. In Propagandafilmen hatte man solche bedauernswerte Menschen gezeigt, aber das so, daß sie Abscheu erregt, daß sich die Leute angeekelt abgewandt hätten. Und dann hatte man vorgerechnet, was so ein einziges „Lebensunwertes Leben“ pro Tag die Volksgemeinschaft kostet; von 3,50 bis 4,50 Deutsche Reichsmark. Dieser Betrag multipliziert mit der Anzahl der auf Deutschem Reichsgebiet lebenden Personen dieser Art ergab dann eine sehr hohe Summe, die jährlich aufzubringen war und sonst auch in Zukunft noch aufgebracht werden müsse. Man könne diese Summe dann noch mit einer Anzahl von Jahren – je nach Lebenserwartung und probeweise einmal nach dem Durchschnitt berechnet – multiplizieren, dann habe man einen unvorstellbar, ja auch einen unverantwortbar hohen Betrag, den die Erhaltung dieses „Lebensunwerten Lebens“ den Staat, die Volksgemeinschaft kosten würde. Und wozu, bitte sehr, solle das gut sein, sei doch zu fragen. Jeder könne sich darauf selbst die Antwort geben. Hier sei doch die Frage nach dem Kosten-Nutzen-Verhältnis zu stellen; und diese Frage müsse auch beantwortet werden. Die Antwort sei ganz einfach. Und für diese – Menschen könne man sie im eigentlichen Sinne gar nicht nennen – eben für diese sei es auch besser; geradezu eine Erlösung.

Mit den grauen Bussen, die keine Fenster hatten, durch die man ins Wageninnere hätte sehen können, weil die Fensterscheiben mit dunkelgrauer Farbe zugemalt worden waren, seien dann diese Personen aus dem Krankenhaus weggeführt worden; „in ein anderes“, wie der Ortsgruppenleiter zu seinen engsten Parteigenossen sagte. In der Nervenheilanstalt der Landeshauptstadt sei eine Sammelstelle eingerichtet worden. Alle diese Patienten würden dann eine intensive, eine besondere Behandlung erfahren; eine „Sonderbehandlung“ eben, sagte er und schaute dabei über die Köpfe der Parteigenossen hinweg. Und diese nickten. Das Wort „Sonderbehandlung“ hatten sie schon gehört; das konnte man jetzt öfter hören. Das war ganz normal. Die „Sonderbehandlung“ sei also etwas ganz Normales, dachten sie; da brauche man sich weiter nichts dabei zu denken. Und überhaupt ging ja alles ganz präzise organisiert vor sich. Für alles gab es immer Papiere, Meldungen, Gutachten, Beschlüsse, Bescheide, Benachrichtigungen. In der Kreisstadt gab es einen eigenen Arzt für diese Fragen, der sich damit befaßte, im Bezirk solche Personen aufzuspüren; diese dann untersuchte, die Ergebnisse nach Berlin meldete. Von dort kamen dann die Bescheide, nach denen zu handeln war. Viel geredet wurde da nicht, es war zu handeln. Und alles hatte seine Ordnung.

Am Fenster seien sie gestanden, mit ihren Fingern an die Fenstergitter gekrallt, die Gesichter dabei an die Fensterscheiben gedrückt. Man habe die im Schreien geöffneten Münder sehen und ihre Verzweiflung direkt spüren können, sagte die Tochter des Gemeindearztes. So habe es ihr der Vater später erzählt. Und dabei immer wieder traurig den Kopf geschüttelt und hinzugefügt: „Daß Menschen so etwas tun können; daß Menschen so etwas tun können!“

Wien, 24. Juni 2001


Der Schopper Loisl

Ich sehe ihn noch vor mir: den Schopper Loisl; in seinem braunen, etwas zu kurzen Popelinemantel; mit der billigen Kodak-Instamatik in der Hand; wie er auf dem Marktplatz stand, am Fronleichnamstag, und die Bürgergarde fotografierte; und nach jeder Aufnahme lachte. Immer war er am Fronleichnamstag bei der Prozession in Haslach. Und immer fotografierte er; einfach so, zu seinem Vergnügen. Er fotografierte den Herrn Pfarrer mit der Monstranz und den Kaplan mit dem Weihrauchfaß unter dem von kräftigen Männern getragenen Baldachin, dem „Himmel“; die Ministranten, die Pfadfinder mit ihren Fahnen und Wimpeln; die Katholische Jugend, die Goldhauben-Frauen, die Kopftüchl-Bäuerinnen; die Buben und die weißgekleideten Mädchen, die Blumenblätter – meist rote von den gerade erblühten Pfingstrosen – aus kleinen Körbchen vor dem Allerheiligsten auf den Weg streuten; den Gendarmeriekommandanten, den Bürgermeister; die Männer vom Kameradschaftsbund in ihren Landestrachtanzügen mit den Orden, z.B. dem Eisernen Kreuz, an der Brust; die Feuerwehr, die Bürgergarde, die Blasmusik. Er liebte anscheinend Uniformen, Kommandos, Pathos und Pomp. Er fotografierte alles; wofür, das wußte niemand. Und immer lachte er verschmitzt dabei oder schaute verwundert in die Menge und auf das Geschehen. Jedenfalls erfreute er sich sichtlich an diesem alljährlichen Schauspiel, an dem er aber nie selbst als Prozessionsgänger teilnahm. Immer stand er irgendwo am Rand des Geschehens oder ungeniert mitten auf dem Platz. Niemanden störte das. Er gehörte einfach dazu; bei jeder Fronleichnamsprozession in Haslach an der Mühl.

Der Schopper Loisl lebte damals schon im Bezirksaltersheim in Kleinzell. Dort hatte er so etwas wie ein Zuhause gefunden, an seinem Lebensabend. Der Schopper Loisl war nach Meinung der Leute – vielleicht aufgrund seiner Sprechbehinderung – „geistig behindert“; jedenfalls glaubte man das. Ein „Mohnlutscher-Kind“, soll er gewesen sein, sagte man. Manchen plärrenden Kindern gab man nämlich früher bei uns auf dem Land einen Mohnzutzler, einen mit Mohnsud getränkten Fetzenluller, damit sie ruhig waren und bei der Arbeit nicht störten. Manchen Kindern gab man zuviel und zu oft davon; diese behielten dann bleibende Schäden, waren später geistig behindert, nicht ganz richtig im Kopf. Beim Schopper Loisl, so sagte man, soll das auch so gewesen.

Der Schopper Loisl hat die Nazizeit überlebt. Gottseidank! Andere so wie ihn hat man damals zu tausenden in Hartheim vergast. Euthanasie nannte man das. Aber darüber sprach man nicht; auch nicht nachher, nach der Nazizeit. Und es schien auch niemanden sonderlich aufzuregen, was da geschehen war; schon gar nicht jene, die bei den Nationalsozialisten aktiv dabeigewesen waren, sich vielleicht sogar hervorgetan hatten. Nein, die waren alle bald wieder voll integriert in die Ortsgemeinschaft, auch wenn sie darin eine eigene Gruppe bildeten. „Die Ehemaligen“ nannte man sie. Und man wußte genau, wer dazugehört hatte. Man wußte aber nicht und interessierte sich auch nicht dafür, was sie damals in der Nazizeit wirklich irgendwo getan hatten. Alle hatten sowieso nur ihre Pflicht getan; so sagte man. Da und dort kommandierte dann vielleicht so ein Ehemaliger nun als Major die Bürgergarde; gab beim Segen mit dem Allerheiligsten das Kommando „Achtung! Zum Gebet! Feuer!“ Und dann schoß die Kompanie mit Platzpatronen in die Luft. Das war ein Theater. Da stand kein Partisanengesindel zur Exekution an der Wand. Und der Schopper Loisl, der meist irgendwo auf dem Platz oder am Rand des Platzes herumstand, fotografierte dann alles zu seinem Vergnügen; und lachte dabei.

Wien, 3. August 2000


Das Café Risano

Als es eröffnet wurde, war es bald ein Treffpunkt der Alten und der Jugend. Verschiedene Lebensformen und Freizeitvergnügungen fanden Platz in den Räumen des Cafés. Die ältere Generation liebte es genauso wie die modische Jugend. Vorallem zum Wochenende war dieses Kaffeehaus, das alle Stilelemente vom Espresso bis zur Bar in sich vereinte, eine wichtige Anlaufstelle für jene, die Gesellschaft suchten und dort auch fanden. Faschingsveranstaltungen, ein „Hausball“ oder ein Maskenabend fanden im Café Risano gleichfalls statt.

Ich weiß nicht, was vorher in diesem Haus war. Das Haus war kein „Bürgerhaus“, hatte also keine Tradition. Es war in den Dreißigerjahren anstelle eines anderen Hauses erbaut worden. Das Gebäude war einstöckig, mit einer klaren Linienführung in Bezug auf die Anordnung der Fenster und des Einganges; alles war im Stil der modernen Sachlichkeit. Zwei Bänder mit Reliefornamenten gaben dem Gebäude ein fast städtisches Aussehen. Das war kein Haus wie die anderen im Ort, das war eine Ausnahme. Auch die Farbe des Hauses – ein undefinierbares Dunkelrot, das ins Bräunliche ging und auch noch einen Einschlag von Lila hatte – paßte nicht zu den Farben der umliegenden Häuser, die in traditionellem Gelb, Grau, Blau, Weiß oder Grün gehalten waren. Dieses Haus war ein Fremdkörper in seiner Umgebung. Und vielleicht gerade deshalb dafür geeignet, daß es als Kaffeehaus sozusagen zu einer gesellschaftlichen Einrichtung wurde. Überdies hatte der Sohn des Cafetiers, nachdem er das Geschäft übernommen hatte, in Nebenräumen noch moderne Neuigkeiten installiert, wie zum Beispiel eine Kegelbahn im Keller und eine Musikbox im neonbeleuchteten Hinterzimmer.

Alles war ganz anders geworden, vorallem für die Jugend. Die lebte bereits in einer neuen Zeit; mit einem neuen Lebensgefühl, mit neuen Ideen, mit neuen Zielen; jetzt ohne die ehemals „großen Ideale“, dafür mit einem Sinn für das Praktische. Man wollte sich vergnügen, unbeschwert sein, nicht bevormundet werden; frei sein. Man strebte nach Neuem, auch Unbekanntem und wollte es erreichen. „Die alten Geschichten“ interessierten niemanden mehr. Interessant war, wie man sich nach dem neuesten Stand der Mode kleidete, welche Frisur man trug, welche Freunde man hatte, wohin man in den Urlaub fuhr; manchmal sogar schon mit der eigenen Freundin, auch wenn das noch etwas Außergewöhnliches, fast Verruchtes, wenn nicht gar noch Verbotenes war. Man setzte sich über die engen Schranken der alles beherrschenden und einengenden Konventionen hinweg, sprach vom „Recht auf das eigene Leben“. Die Alten hingen nicht nur der Alten Zeit nach, sondern beklagten jetzt auch den „Verfall der Sitten und der Kultur“; und daß die Religion überhaupt nichts mehr gelte. Dies war gar nicht der Fall, aber sie sahen es so. In Wirklichkeit ging es einfach darum, daß die herrschende bürgerliche Gesellschaft immer mehr an Macht verlor, wogegen sie sich natürlich sträubte. Man hatte einfach genug davon, daß einem ständig jemand in alles dreinredete und einem vorschrieb, was man zu denken, wie man zu fühlen und wie man zu leben habe. Man hatte genug von all der autoritären Vormundschaft. Man meldete sein Recht auf Freiheit an; und nahm sie sich ganz einfach, wenn sie verweigert wurde. Man hatte endgültig genug von Herrschaft, Unterdrückung, autoritärer Gewalt.

Während also die einen vorne im Kaffeehaussaal an den Tischen über die vergangenen Zeiten sprachen, andere die wirtschaftliche Lage erörterten, wiederum andere von ihren heimlichen Liebschaften erzählten oder von ihrem Eheunglück, einige andere Karten spielten oder stumm vor sich hin brütend Schach, sich Kinder, wenn es noch Tag war, ein Packerl Mannerschnitten oder einen Bensdorp-Schokoladeriegel vorne am Buffet kauften, tanzten wir in einem gewölbeartigen Hinterraum entweder Boogie Woogie oder Rock n’ Roll und zur späten Nachtzeit manchmal Wange an Wange oder eng umschlungen mit der vermeintlichen Liebsten einen Tango, einen Blues oder einen English Waltz. In jenen Augenblicken, da wir eng umschlungen tanzten, flüsterten wir den Mädchen geheime und gewagte Worte in die Ohren. Und die Mädchen wurden weich in unseren Armen und seufzten. Da brauchte es dann nur noch die samtige Stimme von Pat Boone, daß man sich plötzlich für ein Liebespaar hielt. Dann durfte man das Mädchen vielleicht auch noch nach Hause begleiten und zum Abschied küssen. Am nächsten Sonntag aber tanzte dann dieses Mädchen mit einem anderen, und der hielt sie fest im Arm und schaute einem triumphierend und frech in die Augen. Dann war man enttäuscht und traurig oder suchte sich eine andere. Das Spiel begann von neuem und endete genauso wie vorher. Manchmal entwickelte sich aber auch etwas Beständiges; dann „gingen die beiden miteinander“; am Sonntagvormittag in die Kirche und am Nachmittag Händchen haltend durch den Ort. Und dann waren sie fast so gut wie verlobt.

Unvergessen diese Augenblicke, die Intensität unserer Gefühlswelt damals. Dieses Hineintauchen in ein vielleicht nur imaginäres Lebensgefühl, das uns aber emporhob aus der Tristesse der realen, konservativen, einengenden Lebensform. Freiheit spürten wir, obwohl wir sie in Wirklichkeit gar nicht hatten. Denn spätestens am Montag Morgen waren wir wieder zurückversetzt in unser Alltagsleben. Da standen die einen dann wieder am Hochofen in den Stahlwerken der VOEST, die anderen am Webstuhl in irgendeiner Fabrik; oder bedienten in einem Schuhgeschäft in der Stadt vornehme Damen, denen nichts recht war, was man tat. Andere arbeiteten als Hausmädchen oder im Büro einer Firma oder sie besuchten noch die Handelsschule in Linz. Alle waren aufgeteilt und verstreut. Erst am Samstag trafen sie dann wieder im Ort von überall her ein. Und am Abend ging man dann wieder zum gemeinsamen Treffpunkt: ins Café Risano zum Tanz.

Heute gibt es das Café Risano schon lange nicht mehr. Die Fenster des Hauses sind dunkel. Es gibt auch kein anderes Kaffeehaus im Ort. Es wird nicht mehr in Hinterzimmern getanzt und sich verliebt. Viele Gasthäuser, ja auch Geschäfte haben zugesperrt, sind pleitegegangen, oder die Jungen haben nicht „übernommen“. Sie wollen nicht so leben wie früher. Alles hat sich geändert. Die Gesellschaft ist anonym geworden. Auf dem Platz vor der Kirche stehen am Sonntag keine Bauern mehr, die miteinander reden. Die Jugend im Ort kennt einander kaum. Man trifft sich nicht mehr. Man setzt sich ins Auto und braust irgendwohin; vielleicht in eine Diskothek oder in irgendein „In-Lokal“. Man macht Urlaube im Ausland und sitzt abends vor dem Fernseher. Man redet nicht mehr viel miteinander; man hat sich nichts zu sagen. Nur die Alten sprechen manchmal noch von vergangenen Zeiten; davon, wie es früher einmal war. Und dann beginnen ihre Augen zu leuchten, oder es legt sich ein Schimmer der Traurigkeit darüber, und sie verstummen. Dann geht ein jeder seinen Weg, manchmal hinaus aus dem Ort; irgendwohin, wo er abgeschieden und vielleicht allein und einsam lebt.

Wien, 10. November 2001


Gefangenenmarsch

Sie marschierten durch den Ort, alle mit dem gleichen müden, schlurfenden Gang, den Blick zu Boden gerichtet, wie auf einem Weg ohne Ziel. Alle waren gleich angezogen, sie hatten gestreifte, alte, zerschlissene Jacken und Hosen und jeder hatte eine Kappe auf dem Kopf. So gingen sie dahin. An der Seite des Zuges marschierten mit forschem Schritt und in aufrechter Haltung die Männer in den schwarzen und braunen Uniformen, jene mit den hohen Stiefeln. Die hatten Gewehre; die mit den schwarzen Uniformen auch Bajonette am Gürtel. Eine Menge Ortsbewohner standen die Straße entlang, auf der dieser Zug müder, ausgemergelter Schreckensgestalten dahinmarschierte; in Richtung Bahnhof, sagte jemand. Und eine Frauenstimme hörte man ganz leise das Wort „Mauthausen“ sagen. Aber da drehten sich schon die Umstehenden von dieser Frau weg; denn das war ein verbotenes Wort. So wie es viele verbotene Wörter gab und vieles, das man nicht sagen durfte oder besser nicht sagte, wenn man keine Scherereien haben wollte; oder noch viel Schlimmeres.

Die Gefangenen, die so müde dahinmarschierten, durften nicht reden, nicht miteinander und auch nicht mit den am Straßenrand stehenden Leuten; ja sie durften diese nicht einmal anblicken. Da sah ich plötzlich eine Hand, dem Aussehen nach eine Frauenhand, die einem der Gefangenen etwas geben wollte, ich glaube, ein Stück Brot. Aber schon war ein Mann in der schwarzen Uniform da, brüllte sie an und faßte sie auch grob an; er zerrte sie aus der Menge heraus und redete wie wild auf sie ein. Nein, es sei strengstens verboten, den Gefangenen irgend etwas zu geben, ihnen etwas zuzustecken. Denn die da marschierten, seien alles Verbrecher, Schwerverbrecher, Kriminelle. Die sollten froh sein, daß sie überhaupt noch lebten; die gehörten sowieso alle vertilgt, sagte so ein gestiefelter Mann in der braunen Uniform, einer den ich vom Sehen her kannte, weil er aus unserem Ort war.

Ich fürchtete mich, wußte aber eigentlich nicht wovor; auf jeden Fall vor den Männern in den braunen, vor allem aber vor jenen in den schwarzen Uniformen; die auch eine andere Sprache, eine andere Sprechweise hatten, als man sie bei uns im Mühlviertel hörte. Diese Männer waren „zackig“, wie man das nannte; und ihre Sprache, ihr Sprechen war es auch. Die redeten nicht normal. Wenn sie redeten, klang das immer so, als wären sie mit jemandem böse und als würden sie nur befehlen; und alle anderen hätten widerspruchslos zu gehorchen. Und wehe, wenn nicht! Ich mochte diese Männer nicht, sie waren mir zuwider. Die anderen Männer, die in den gestreiften Anzügen und den hohen Schuhen mit den Holzsohlen, die taten mir leid. Die mußten ja auch entsetzlich frieren, die hatten keine Mäntel, so wie ich einen hatte. Es war ja kalt und noch nicht einmal richtig Frühling. Man konnte sogar den Hauch vor dem Mund sehen, wenn man atmete.

Also zum Bahnhof mußten diese Männer in den gestreiften Anzügen gehen, d.h. marschieren. Aber das war weit, mindestens eine Stunde zum Gehen. Wie sollten denn diese armseligen Gestalten, die sich, wie mir schien, kaum auf den Beinen halten konnten, das schaffen? Aber auf diese Frage gab es keine Antwort; so wie es auf viele Fragen damals keine Antwort gab. Und am besten und klügsten war es, wenn man überhaupt keine Fragen stellte. So hatte man es mir jedenfalls zu Hause immer und immer wieder gesagt, eingetrichtert mit den Worten: „Stell keine Fragen, rede überhaupt nichts und mit niemandem auf der Straße, mit niemandem, den du nicht kennst; ja auch nicht mit jemandem, den du kennst. Man kann niemandem trauen. Geredet wird nur daheim. Und auch „darüber“ nicht.“ So hatte das unser Vater mir und meinen Geschwistern immer wieder eindringlich gesagt. Und dann oft noch hinzugefügt: „Und was die Anderen reden, das geht euch überhaupt nichts an, da hört ihr nicht einmal hin!“ Wir sollten überhaupt so wenig wie möglich und nur wenn es absolut notwendig war „unter die Leute gehen“ und uns nicht nirgendwo draußen lange aufhalten. Der Vater hatte einmal zu Hause gesagt, auch nur ganz leise: „Die haben alle ein Auge auf uns, jedenfalls auf mich.“ Und es war uns klar, wen er mit „die“ meinte, ohne daß er uns das erklären mußte.

Mittags, wenn um zwölf Uhr die Volksschule aus war, und die Schüler nach Hause gingen, mußten alle Schülerinnen und Schüler, auch die aus der ersten Klasse, aus der „Taferlklasse“, in Zweierreihen in aufrechter Haltung und zügig von der Schule am Kirchenplatz auf dem Trottoir bis zur Ecke von unserem Haus heraufmarschieren. Der Lehrer oder die Lehrerin ging außerhalb neben der Marschkolonne. Oben an der Hausecke vor dem Marktplatz, am Ende der Kirchengasse blieben sie alle stehen. Und dann riß die begleitende Lehrperson den rechten Arm hoch und schrie laut: „Heil Hitler!“ Und alle Schülerinnen und Schüler mußten gleichfalls den rechten Arm hochreißen und dann antwortend so laut wie sie nur konnten, ebenso ihr „Heil Hitler!“ schreien. Erst dann durften sie auseinandergehen, nach Hause zum Mittagessen. Dieses „Heil Hitler!“-Geschrei habe ich bis heute in den Ohren. Es war mir schon damals verhaßt; auch weil ich Schreien überhaupt nicht mochte und keine „Forschheit“, die damals eingeführt war, auch beim Reden. Da war mir das Gemurmel des Rosenkranz-Betens im dunklen Wohnzimmer von Vater und Mutter und uns Kindern sowie unserer Köchin Fanni viel lieber, auch wenn ich dabei oft einschlief; vielleicht deshalb, weil dieses Murmeln so beruhigend war. Und weil die Muttergottes uns beschützte, wie die Fanni sagte.

Und so war dieses Bild, das ich jetzt auf dem Marktplatz sah, dieser Gefangenenmarsch, so ganz anders und erschreckend für mich; und ich fürchtete mich, ohne genau zu wissen wovor und warum. Es war auch eine so beklemmende Stimmung rundum. Man hörte nur hin und wieder das Befehlsgeschrei eines der Uniformierten. Ansonsten war es aber ganz still. Ich stand eingekeilt zwischen den Erwachsenen, aber doch ganz vorne an der Straßenseite, sodaß ich alles sehen konnte. Als diese armselige Marschkolonne der Gefangenen dann schon auf dem Unteren Marktplatz und in der Windgasse war, löste sich auch die Menschenmenge auf dem Marktplatz langsam auf, und die Leute gingen schweigend nach Hause; so auch ich. Zu Hause fragte mich mein Vater streng: „Wo warst du denn schon wieder? Doch nicht etwa jetzt draußen auf dem Marktplatz!“ Doch ich gab auf diese Fragerei keine rechte Antwort, denn lügen wollte ich nicht und die Wahrheit konnte ich auch nicht sagen. Also antwortete ich nur: „Naja, ich war halt schnell einmal draußen, irgendwo.“

Noch heute sehe ich dieses schaurige „Schauspiel“, wenn ich es mir in meine Erinnerung zurückrufe und vergegenwärtige, vor mir, so als wäre das alles erst gestern gewesen. Ich sehe diesen Zug von müden ausgemergelten Männern, die teilnahmslos, wie leblos dahintrotten, wie ins Irgendwohin. Und ich sehe die Männer in den schwarzen und braunen Uniformen, die ständig irgend etwas zu irgendwem brüllten. Und ich sehe die Menschen, die am Straßenrand stehen, die meisten schweigend und mit ebenso gesenktem Kopf; aber andere haben geklatscht; und einer hat sogar auf einen solchen Mann im gestreiften Anzug hingespuckt. Das war ein fanatischer Nazi; einer aus unserem Ort. Und solche Nazis gab es ja viele, auch bei uns, damals im Tausendjährigen Reich.

Wien, 5. November 2017


Die Fanni

Unsere Köchin hieß Fanni. Sie war mehr als 35 Jahre bei uns und hat mich und meine neun Geschwister aufgezogen. Sie hat jeden Tag für uns gekocht, das Frühstück gemacht, die Jause zubereitet, das Geschirr abgewaschen, die Wäsche mit der Hand und der Waschrumpel gewaschen, im Bach geschwemmt, im Garten ausgebreitet, mit einem alten Bügeleisen gebügelt und in die Kästen gelegt. Sie hat im Frühling die Erde im Garten umgestochen, ausgesät, ausgepflanzt und geerntet. Während der Arbeit, vorallem beim Kochen, sang sie ihre Lieder: „Meerstern ich Dich grüße“ und „Geleite durch die Welle…“ mit ihrer etwas dünnen Stimme, andächtig, ja inbrünstig, aber vorallem demütig, als ein gesungenes Gebet. Die Fanni war für mich der Inbegriff von Frömmigkeit und Güte. Sie opferte sich auf im Dienst an den anderen; für Kinder, die gar nicht die ihren waren, nicht ihre leiblichen; aber in Wirklichkeit doch auch ihre Kinder.Wieviele Mahlzeiten hat unsere Fanni im Laufe ihres Lebens für uns gekocht, wieviele Mittag- und Abendessen? Ich beginne zu rechnen: 25.550 – lese ich vom Display des Taschenrechners ab. Das bedeutet: 25.550 mal in der unmodernen Küche den alten, ewig rauchenden und stinkenden Ofen anzuheizen, dafür das Holz aus dem Hof heraufzutragen über die hohe Stiege. Holzherauftragen war auch meine Pflicht, schon von klein auf. Und ich tat es gerne; weil ich überhaupt viel lieber bei „meiner Fanni“ in der Küche war, dort auch mit ihr und den anderen Bediensteten aß; dies lieber als im Zimmer bei der „Herrschaft“ – wie meine Eltern bezeichnenderweise, jedoch mit respektvoller Ehrerbietung von der Fanni und den anderen Angestellten tituliert wurden.

Das Kochen hat die Fanni in der Küche des Prämonstratenser-Stiftes Schlägl gelernt und dann im Pfarrhof in St.Oswald, wo sie eine zeitlang als Dienstmagd war. Und zuvor wahrscheinlich daheim, bei ihrer Mutter und ihrer Schwester; in dem kleinen, an den Hagerberg bei Aigen hingeduckten Häusl, mit dem kleinen Vorgarten, dem Gemüse und den Blumen darin und den wunderschönen, bunten, leuchtenden, gläsernen Kugeln, in denen ich mich als kleines, verzerrtes Spiegelbild sehen konnte.

Oft flüchtete ich von dem mir verhaßten, strengen Kindermädchen zu „meiner Fanni“, die ich liebte, und bei der ich Schutz fand, wo ich mich als kleiner Bub auch ausweinen durfte. Denn „Weinen beim Strafvollzug“ wurde mit einer „Draufgabe“ noch zusätzlich bestraft; und noch härter als das eigentliche Delikt, dessen man sich schuldig gemacht hatte und das man durch oft stundenlanges „Winkerlstehen“, durch normales „Knien“ oder in der Verschärfung als „Scheitelknien“ abzubüßen hatte. Kindesmißhandlung war das, nicht Erziehung.

Jetzt aber zur Freude, zur Essenslust! Was also bereitete mir diesbezüglich höchstes Vergnügen, was war für mich der Inbegriff von „Köstlichkeit“? Das wechselte und änderte sich mit meinem Lebensalter, aber manches ist mir als „Leibspeise“ bis heute geblieben, wie zum Beispiel die Schneenockerln, diese weißen zarten Gebilde in gekühlter Vanillesauce mit gehackten Haselnüssen oder gerösteten Haferflocken. Als Sonntags- oder Festessen war und ist mir noch immer „Schnitzel mit Reis und Erdäpfeln, Preiselbeeren und Gemischtem Salat“ am liebsten. Und zuvor eine Schöberl- oder Griesnockerlsuppe.. Manchmal gab es „zwei Henderln oder ein Ganserl“ für mich und meine neun Geschwister sowie die Eltern und das Gesinde. Das dann „gerecht aufzuteilen“ – was hieß: dem Stande und der Hierarchie entsprechend – das war wirklich „eine Kunst“, wie Mutter sagte, eine schwere Aufgabe. „Ich brauch eh’ nichts“, sagte demütig die Fanni, „ich hab’ eh schon beim Kochen gekostet“. Dieser Satz trieb mir fast jedesmal Tränen der Wut und des Zorns in die Augen. Ich kann heute sagen: Mein Gerechtigkeitssinnn, mein Sozialbewußtsein und Sozialengagement haben ihren Ursprung in meiner Empörung über Ungerechtigkeiten und Klassendenken in meinem Elternhaus.

Oft hat die Fanni auch ein „Surfleisch“ gemacht, dieses würzig schmeckende Schweinefleisch. Sie hat gewußt, wie man „die Sur“ anmacht; wie man die halbe Sau, die man bei „seinem Bauern“ gekauft hat, zerteilt; wieviel roten oder weißen Zwiefel und Knofel manschneidet für die Sur, wieviel Pfefferkörner und Lorbeerblätter man dazugibt; dann das Fleisch gut einsalzt, damit es sich hält; und wie man es Schicht für Schicht in den großen Steingutbottich legt; am Schluß die Sur draufgießt, bis sie das Fleisch handbreit zudeckt; dann den Holzdeckel draufgibt und den schweren Granitstein draufsetzt. Wie oft habe ich das mit unserer Fanni gemacht, gern gemacht, sodaß mir alles in guter Erinnerung geblieben ist. Und dabei ist mir klar: Über diese Erinnerung, über diesen Menschen definiert sich für mich der Begriff „Heimat“; als eine in besonderer Weise gelebte Form von tief empfundener Zugehörigkeit.

Unserer Fanni verdanke ich sowohl das Fundament meiner Essenslust, als auch meiner Essenskultur und meine längst nicht mehr praktizierte Kochkunst. Darüber hinaus und untrennbar damit verbunden aber auch den gelebten Grundsatz, daß Essen mehr ist, jedenfalls mehr sein sollte als bloße Nahrungsaufnahme. Selbstverständlich auch die Erkenntnis und die unverzichtbare Bedingung, daß man natürlich auch kochen können muß; daß Kochen und Essen zusammengehören; daß das etwas ist, das mit dem Menschen und seiner Kultur, aber auch mit seiner sozialen Bindung zu tun hat; daß man vorallem „mit Liebe kochen“ muß, daß man also sowohl das Kochen, als auch den Menschen, für den man kocht, lieben muß; nicht nur das Essen an sich. Ein philosophischer und ein menschlicher Grundsatz zugleich. Und auch daraus ist wiederum meine Erkenntnis abgeleitet, daß Kochen und Miteinanderessen eine soziale Handlung sind.

Die Fanni war ihrem Wesen und ihrem Charakter entsprechend eine „bescheidene Esserin“; womit gemeint ist, daß sie eigentlich wenig aß; und dann auch wiederum oft nur „die Restln“„Ich will niemandem etwas wegessen“ – konnte man von ihr hören. Ein Satz, der mich wiederum wütend machte. Nur durch „Gutes Zureden“ konnte ich sie davon überzeugen, „daß ihr ihre Sach’ zustehe“; daß also „gleiches Essen für alle“, wie ich es postulierte, dem demokratischen Grundsatz „gleiches Recht für alle“ entsprang und entsprach; aber das nützte nicht viel. Sie war eben ein herzensguter Mensch und eine Mutter – die eigentliche Mutter – für uns zehn Kinder, die immer alles, auch das letzte, für uns gab; und sie gab es gern und vom Herzen. Und da ist wiederum eine Grundhaltung, die ich von ihr gelernt habe, nicht vom Kirchengehen, nicht vom Katholischen. Ich erinnere mich: „Nur dann ist etwas was wert, wenn es vom Herzen kommt“, sagte sie mir immer wieder; und dies mit einer bei ihr seltenen und unvermuteten Eindringlichkeit. Das war ihre Überzeugung. Und die wurde im Leben zu meiner. Auch dieses Fundament verdanke ich ihr. Und ich bin ihr dankbar dafür. Denn das ist ein Lebensgrundsatz, jenseits aller Philosophie und aller mir verhaßten und verachteten Scheinmoral. Das ist ganz einfach die Wahrheit: Das ist Liebe.

In Wien, wo ich schon seit einiger Zeit lebte und studierte, erreichte mich eines Tages die Nachricht, daß die Fanni „der Schlag getroffen hat“. Sofort fuhr ich mit meinem Moped nach Hause: 260 Kilometer; auf Bundes- und Landstraßen; die Donau entlang und hinüber; die Hügel hinauf, ins Mühlviertel, nach Haslach. Ich erinnere mich noch gut, wie ich damals das Krankenhaus betreten habe, an diesen Geruch, an mein Würgen im Hals, das unerträglich wurde, als ich die Schwester frug, wo unsere Fanni, die Franziska Lindorfer, denn liege„Im Kammerl“, gab sie zur Antwort. Und da lag sie, im Wäschekammerl, damit sie mit ihrem Sterben niemanden störe. Sie war ja nur eine Köchin. Ich erinnere mich an meinen Wutanfall und wie ich geschrien habe: „Raus hier! Nicht hier! Hier stirbt sie mir nicht!“ – Ich glaube nicht, daß die Fanni mich gehört hat, so wie sie da lag: wachsbleich, unbeweglich, leblos, kein Zucken mehr im Gesicht, mit geschlossenen Augen. Hätte sie mich gehört, hätte sie wieder einmal versucht, mich zu besänftigen, das weiß ich. Und ich wäre vielleicht etwas ruhiger geworden, hätte mir etwas sagen lassen; sowieso nur von ihr, von niemandem sonst. Sie war der einzige Mensch, der mir noch etwas sagen durfte. Ansonsten war zu dieser Zeit nur Rebellion in mir, Auflehnung gegen alles und jedes, vorallem gegen das „Familiengesetz“. Aber jetzt konnte sie nichts sagen, sie war verstummt. Die Fanni ist damals nicht gleich gestorben; sie ist ein bettlägriger Pflegefall geworden und geblieben; für lange Zeit; halbseitig gelähmt, mit Sprach- und Sprechverlust. Vollkommen abhängig von der Pflege, von der aufopfernden oder nur widerwillig gegebenen Zuwendung des Pflegepersonals. Oft habe ich damals an ihren Ausspruch gedacht: „Nur was vom Herzen kommt, ist wirklich etwas wert.“

So oft ich konnte, habe ich die Fanni im Krankenhaus besucht. Immer war ich verlegen, wenn ich den Raum betrat. Da lag sie nun jedes Mal, so erbärmlich, daß es mir die Tränen in die Augen trieb und mir die Stimme versagte. Ich bemühte mich, mir das nicht anmerken zu lassen. Wenn die Fanni schlief, ließ ich sie schlafen. Wenn sie die Augen öffnete und mich sah, kam ein unsagbar traurig-wehmutsvolles Lächeln auf ihr Gesicht, wie schon aus einer anderen, fernen Welt; wie „von drüben“, sagte ich mir. Ich hatte Scheu, sie zu berühren; allenfalls die Hände, die so durchsichtig geworden waren, so weiß, mit blauen Adern darin, und ohne jede Kraft. Hände, die so viel für mich getan hatten, die für mich und mit mir gekocht, die meine Hemden, Hosen und Socken gewaschen hatten; die mich gestreichelt und – ganz selten – mit dem Kochlöffel auch gezüchtigt hatten. Hände, die so oft einen weißen Rosenkranz gehalten hatten. „Ich denk an dich, das weißt du“, sagte ich, wenn ich ging. Und sie nickte dann. Von der Tür her winkte ich ihr noch einmal zu, bevor ich sie hinter mir schloß. Einmal war auch dies das letzte Mal.

Wieder in Wien erreichte mich die Nachricht: „Die Fanni ist tot“. Sofort fuhr ich nach Haslach hinauf. Ihr Leichnam lag noch im Krankenhaus, in einem Kammerl. „Wir haben nicht gewußt, wo sie hinkommt“, sagte die Schwester Oberin. „Selbstverständlich zu uns nach Hause; wo sie hingehört“, sagte ich. Und ich rief gleich den Emil an: „Du, Emil, nimm einen Sarg, hol’ die Fanni ab im Krankenhaus und bring sie mir! Ich warte unten beim Haustor. Und hilf sie mir bitte herauftragen!“ – Und der Emil, Sargtischler und Begräbnisunternehmer, kam mit seinem „Schwarzen Cadillac“ – wie wir die „Totenkutsche“, den langgestreckten schwarzen Dieselkombi, nannten. Gemeinsam trugen wir die tote Fanni über die steile, enge Stiege in unserem Haus hinauf und bahrten sie dort auf. Wir schraubten den Sargdeckel wieder ab, richteten sie zurecht, legten ihre Hände um das Sterbekreuz, ich kämmte ihr ein wenig die weißen Haare, zog ihr den etwas hinaufgerutschten schwarzen Kittel hinunter zu den Füßen. Zum Fußende stellte ich das silberne Kreuz mit den zwei Kerzenleuchtern auf, vor dem sie so oft mit uns gemeinsam in ihrem Leben andächtig gebetet hatte – auch für uns, auch für mich. Dazu noch einen Weihwasserkessel mit einem Buchsbaumzweig. Dann zündete ich die Kerzen an und blieb eine Weile ganz still stehen. Dann ging ich zu meinen Eltern und sagte:“ Ich bin fertig mit der Fanni, Ihr könnt’ jetzt kommen.“

Später fuhr ich mit meinem Auto hinaus in die Mühlviertler Landschaft, die meine Heimat ist. Ich fühlte, daß jetzt etwas beendet war, ein Lebensabschnitt vielleicht. Und ich wußte, daß ich nun allein war und dies auch bleiben würde.

Wien, 10.-14. Juni 2000


Das Foto

Vor mir liegt ein Foto. Das Foto ist nicht sehr groß, es hat die Maße 8 cm mal 11,5 cm. Mitten durch das Bild verläuft ein feiner Riß, der nur oberflächlich und nicht fachgerecht repariert und auch nicht retuschiert wurde. Das Foto ist aus dickem Karton, der mit der Zeit brüchig und dann durch eine Unachtsamkeit in der Mitte geknickt worden ist. Vielleicht hat jemand das Bild über längere Zeit mit sich getragen, so daß das kleine Ungeschick auf diese Weise passiert ist.

Am unteren Rand sieht man Fragmente einer Beschriftung, die vielleicht die auf dem Foto dargestellte Person benennt oder einen Hinweis auf den Ort gibt, an dem diese Aufnahme gemacht wurde; vielleicht auch in welchem Fotoatelier. Drei Buchstaben in schwungvoller Druckschrift sind mit Mühe erkennbar, lesbar oder einem Wort eindeutig zuzuordnen sind sie allerdings nicht. Das Wort „Bad“ könnte mit den drei Buchstaben geschrieben sein. Um welches Bad es sich handeln könnte, das ist nicht ersichtlich.

Die Fotoaufnahme wurde in einem Fotoatelier gemacht. Man ersieht das aus der Dekoration, aus den Requisiten, die im Bild sind. Da ist ein etwas eigenartiger, dekorativer Holzstuhl aus zusammengefügtem Holzgestänge, ähnlich einem Garten- oder Balkonstuhl. Sitzfläche und Lehne sind mit folkloristisch besticktem, hellen Webstoff tapeziert. Eine Reihe von Quasten vermittelt ein orientalisch anmutendes Aussehen. Der Stuhl könnte aus der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts stammen, als das Orientalisch-Dekorative bei Tapeten, Vorhängen, Lampen, Möbeln, Polstern u.a. Mode war. Vom rechten Bildrand hängt ein Tuch als dekorative Drapierung in das Bild herein. Den Boden bedeckt ein gemusterter Teppich.

In der Bildmitte steht die fotografierte Person: ein kleines, drei- oder vierjähriges Mädchen. Es hat ein hübsches, vielleicht weißes oder naturfarbenes Baumwollkleidchen an, das bis zur Mitte seiner Waden reicht. Von da ab sieht man schwarze Schnürstiefelchen. Vielleicht sind es aber auch hohe Schnürschuhe und schwarze Strümpfe. Die Schuhe sind schon etwas abgetragen, doch sauber geputzt. Das Kleidchen ist an der Taille beim Bund zu vielen eingenähten Falten gerafft. Ebenso ist es eine Handbreit oberhalb des Rockendes sehr schön mit drei eingenähten Überschlägen abgestuft. Die kurzen Puffärmeln sind an den Oberarmen aufgebauscht, schließen am Ende mit einer eingezogenen Kordel und mit gehäkelten Halbrundspitzen zum Schmuck ab. Das Kleidchen ist hochgeschlossen bis zum Hals, jedoch mit einem Schlitz vorne an der Brust herab einige Fingerbreit zu einem V-Ausschnitt geöffnet. Um den Hals unterhalb des Kleides und in den V-Ausschnitt hineingesteckt trägt das kleine Mädchen ein vielleicht rot besticktes, weißfarbenes Halstuch. Das Kleidchen ist frisch gewaschen, gestärkt und gebügelt.

Das kleine Mädchen sieht fast wie ein erwachsenes Mädchen aus, das sich herausgeputzt hat für den Kirchtag und zum Tanz. Die dichten, wahrscheinlich bräunlichen Haare sind gekämmt und fallen – sorgfältig hinter die Ohren zurückgesteckt – bis über die Schultern herab. Eine große schwarze Masche scheint in die Enden der Haare geflochten zu sein; sie ist teilweise am Rücken an der Taille sichtbar. Die Gesichtszüge sind ebenmäßig und schön. Das Mädchen steht seitlich zur Kamera, wendet aber sein Gesicht dieser zu und sieht den Fotografen bzw. somit dann den Betrachter des Bildes ohne Scheu, ganz offen mit einem ernsten, irgendwie fragenden Blick aus großen, dunklen Augen an. Das Mädchen wirkt sehr erwachsen. Nichts Kindliches ist da zu sehen und zu spüren. Das kleine Mädchen hat schon die Ausstrahlung einer reifen, wenn auch eben kindhaften Persönlichkeit. Nur die etwas dicken Patschhändchen, von denen man eines sieht, sind die eines kleinen Kindes. Die linke Hand ist behutsam auf das Federnkleid einer weißen Taube gelegt, die auf der Sitzfläche des Sessels steht. Ob es sich bei dieser Taube um ein ausgestopftes, totes Tier oder um ein noch lebendes, zahmes Tier handelt, das vielleicht dem Mädchen gehört und sein geliebtes Haustier ist, kann ich aus dem Foto nicht erkennen. Mädchen und Tier scheinen aber miteinander irgendwie vertraut zu sein. Denn nichts Fremdes ist zwischen ihnen. Alles auf diesem Bild wirkt, wenngleich angeordnet, so doch nicht gekünstelt. Das kleine Mädchen strahlt Selbstbewußtsein aus, wache Aufmerksamkeit und einen großen Ernst. Alles an ihm ist voll Anmut und Schönheit.

Immer schon hat mir dieses Bild sehr gefallen: die Anmut dieses Mädchens, seine dunklen Augen, der große Ernst, der fragende Blick. Dieses Bild ist anders als so viele Kinderbilder, die man sonst kennt. Immer habe ich mich gefragt, wie dieses kleine Mädchen wirklich war, was es gedacht und gefühlt hat; wie seine Sprache gewesen sein mag; was es gefragt und erzählt hat; worüber es sich gefreut hat und was es traurig gemacht hat; ob dieses Mädchen zornig sein konnte oder ob es immer so sanft war, wie es auf diesem Bild aussieht. Immer wollte ich wissen, wo und wie dieses kleine Mädchen gelebt hat. Und wie es dann war, als es zur Schule ging, dann vielleicht in eine Lehre; wie es war, als es erwachsen wurde, ein großes Mädchen; wie es war, als sich dieses Mädchen dann verliebt hat. All das, was aus diesem Mädchen geworden ist, scheint mir schon damals in ihm festgelegt gewesen zu sein. Eine starke Persönlichkeit sehe und spüre ich aus dem Bild; auch eine gewollte Abgrenzung, eine gewisse Distanz zu allem, was es umgibt.

Durch eine Lupe betrachte ich das vor mir liegende Bild. Mein Blick trifft den des kleinen Mädchens. Unsere Blicke begegnen einander durch das dicke Glas. Dies mehr als hundert Jahre nachdem dieses kleine Mädchen in die Kamera geschaut hat. Ich sehe dem kleinen Mädchen lange in die Augen. Ich kenne diese Augen gut. Sie haben mich oft fragend oder auch besorgt angeschaut. Es sind Augen, die ich liebe. Es sind die Augen meiner Mutter.

Wien, 5. Februar 2002


Der Schotti

Die Kirschen leuchten so rot. Ich habe sie auf den Tisch hingestellt, in einer blauen Schüssel. Der Tisch steht auf den weißen Fliesen, hingerückt an die Wand, gegenüber vom Bett mit der weißen Bettwäsche, auf der Schotti’s bleiches Gesicht wie hingebreitet liegt. Nur seine schwarzen Haare bilden einen Kontrast zu allem rundherum. Das Abendlicht fällt mit den letzten Sonnenstrahlen durch das vergitterte Fenster herein; die Gitterstäbe werfen Schatten über das Bett und Schotti’s Kopf, so daß er in diesem Schattengeflecht wie gefangen erscheint. Der Schotti aber ist hier gefangen in diesem Raum, in dem nur sein Bett und der weiße Tisch stehen, sonst nichts; nicht einmal ein Stuhl. Man erwartet hier in der Isolationszelle des Psychiatrischen Krankenhauses keinen Besuch mehr für den Todkranken. Der Schotti schläft tief, er ist von starken Medikamenten so betäubt, daß er kein Lebenszeichen von sich gibt.

Was für ein Kerl war er einmal gewesen: voll Kraft und Lebensfreude, manchmal übermütig wie ein Lausbub, dann aber auch wieder aufbrausend und zornig, unbeherrscht. Immer gab es bei ihm Überraschungen, Nichtvorhersehbares. Unberechenbar war er gewesen, der Schotti; damals, als er noch gesund war.

Eine fröhliche Gruppe waren wir gewesen, bunt zusammengewürfelt. Jeder studierte etwas – Medizin, Philosophie, Literatur, Musik. Fritz arbeitete im Atomreaktor Seibersdorf, war eigentlich Naturwissenschaftler, kannte sich aber in der Literatur, vorallem in der spanischen sehr gut aus. Jascha wiederum spielte gerne abends den „Damen” etwas auf seiner Geige vor. Der Deutsche erklärte uns in Deutscher Gründlichkeit die Welt und alles, was sich in Politik und Gesellschaft, Wissenschaft und Kultur auf dem Globus abspielte. Jedesmal zog er uns in stundenlange Diskussionen hinein.

An diesen Gesprächen beteiligten sich immer die gleichen Personen; nur der Schotti war nie dabei. Der mochte solche „sinnlosen Diskussionen”, wie er sagte, nicht. Ihn interessierte das viele Gerede nicht. Er bewegte sich in anderen Bereichen, nämlich in denen der Phantasie und der Kunst. Stundenlang saß er oft über ein Blatt Papier gebeugt und machte seine „Kritzeleien”, wie ich das nannte; mit schwarzer Tusche und einer selbstgefertigten Rohrfeder. Wenn ich ihn fragte: „Schotti, was wird denn das, wenn es fertig ist?”, antwortete er jedesmal: „Wirst’ schon sehen! Auf jeden Fall wird es großartig!” Das sagte er ganz ernst und nicht mit dem Ausdruck von grenzenloser Selbstüberschätzung. Wenn ich nach einer Weile zurückkam, zeigte er mir das Blatt und sagte: „Na, was sagst du, ist es nicht großartig?!” Ich nickte dann nur stumm, denn verstehen konnte ich die Kritzelei nicht. Wenn ich ihn dann noch fragte: „Schotti, was stellt das denn dar oder was bedeutet es?”, dann sah mich der Schotti mit großen Augen an und gab feierlich zur Antwort: „Na, die Kunst, das Leben, die Wege, die Irrwege, einfach alles! Siehst du das denn nicht?!”

Das war die eine Seite des Schotti, die nach innen gekehrte, die stille, vielleicht auch dunkle Seite seines Wesens. Die andere war dem Leben zugewandt; die war hell, stürmisch, polternd, laut. „Heute schreit das Leben wieder in mir”, sagte er dann. Oder: „Heute könnte ich die ganze Welt umarmen, so freut sie mich.” Mir war das zu emphatisch. Manchmal aber steckte er mich auch an mit seiner guten Laune, mit seinem Temperament, mit seiner aufwallenden Lebensbegeisterung und Lebenslust. Er riß mich dann für Augenblicke mit in diese helle, farbenfrohe Welt, die es in seinen Bildern und in meinem Denken nicht gab. Dann machten wir irgend etwas „Verrücktes”, irgendwelche Streiche, lausbubenhafte Dummheiten.

„Über den Wolken muß die Freiheit wohl grenzenlos sein…” sangen wir gemeinsam, wenn wir in einer solchen Stimmung waren. Das war unser Ausdruck für unser Lebensgefühl, zugleich aber auch die Proklamation unseres Lebensprogrammes. Freiheit! Das war es, was wir wollten im Leben und in der Kunst. Als der Schotti dann einmal mit einem aufgespannten Regenschirm vom Dach einer Garage sprang und dabei wie verrückt schrie: „Jetzt kann ich fliegen!”, sich dabei Arme und Beine blutig schlug, fand ich das schon bedenklich und ich fragte mich, was denn mit dem Schotti los sei. Dann war der Schotti plötzlich krank und kam ins Spital. Ich besuchte ihn. Er lag damals schon in dieser Anstalt, mitten in einem großen Saal. Er freute sich, als er mich sah und begrüßte mich herzlich. Wir sprachen über alles Mögliche. Als die Besuchszeit zu Ende war und ich gehen mußte, rief er mir nach: „Das nächste Mal, wenn du mich besuchen willst, bin ich schon draußen!”

Das nächste Mal fand ich den Schotti nicht im gleichen Saal. Ich erkundigte mich bei einem Pfleger, wo denn der Fritz Schottkowsky jetzt sei. Er antwortete mir: „Der liegt schon drinnen im Saal, nur an einem anderen Platz; doch Sie werden ihn vielleicht nicht mehr erkennen.” Der Schotti lag als zuckendes Menschenbündel in einem Gitterbett. Das Bettzeug war schmutzig, mit einigen Blutflecken darauf. „Er kratzt sich immer wieder auf”, sagte der Pfleger, „da hat es keinen Sinn, lange herumzutun.” Ich schwieg, stand sprachlos da vor Schotti’s Bett. Dann berührte ich seine Hand. „Schotti”, sagte ich leise, „ich bin’s.” Da öffnete er unendlich langsam seine Augen und sagte: „Ah, du bist es, schön, daß du da bist.” Dann schloß er sie wieder, müde und erschöpft.

Ich ging auf den Gang hinaus, wartete eine Weile und dachte nach, was ich jetzt tun sollte. Ich betrat wiederum den Krankensaal. Da war der Schotti aber schon hellwach und lächelte mich tapfer an. „Was haben sie denn mit dir gemacht? Weißt du, wie du aussiehst?”, fragte ich ihn. Er nickte verlegen. „Weißt du”, sagte er, „wir sind hier im Irrenhaus; da können die alles mit dir machen, was sie wollen; und du kannst dich nicht dagegen wehren.” – „Das ist ja furchtbar!”, entgegnete ich. „Ja”, sagte er, „aber so ist es eben. – Eine Zigarette könnten wir rauchen, gleich hier im Saal”, meinte er. Ich holte das Päckchen aus meiner Hosentasche. Da kam auch schon der Pfleger und sagte barsch: „Der da darf nicht rauchen. Der Idiot hat letztens das Bett angezündet; seither ist nichts mehr mit dem Rauchen für ihn.” Ob er, der Pfleger, denn nicht auch rauche, fragte ich ihn; und ob er sich vorstellen könne, wie schwer es sei, plötzlich nicht mehr zu rauchen, schlagartig aufhören zu müssen. „Ja, das weiß ich”, sagte der Pfleger lachend, „ich kenn’ das; aber das ist bei mir etwas ganz anderes als bei dem da”, womit er den Schotti meinte. Und er fügte etwas leiser und vom Bett abgewendet hinzu: „Der da macht’s ohnedies nicht mehr lange.” Und dann ging er.

„Schotti, wir dürfen hier nicht rauchen, du hast letztes Mal mit der Zigarette das Bett angezündet”, sagte ich. „Klar dürfen wir”, sagte er; „wir sind hier im Irrenhaus, da darfst du alles machen, was du willst; nur bestraft wirst du dann später”, fügte er hinzu; „fürchterlich bestraft!” Und dabei deutete er auf zwei dunkelrote Flecken an den Schläfen, die ich vorher nicht beachtet hatte. „Weißt du”, sagte er, „ich spüre nichts mehr an meinen Fingern, auch nicht, wenn die Zigarette meine Finger verbrennt; ich vergesse es, daß ich eine Zigarette zwischen den Fingern halte und ich merke es erst dann, wenn die verbrannte Haut stinkt. So war das auch mit dem Bettanzünden. Und diese Idioten sagen, ich hätte es absichtlich gemacht; einen Suizidversuch, verstehst du!” Ich verstand. Wortlos nahm ich eine Austria 3 heraus und zündete sie mir an. Da stand auch schon der Pfleger an der Tür. Ich ging zu ihm hin, steckte ihm einen Geldschein zu und sagte „Ich darf ja rauchen, nicht wahr!?” Dann machte ich einen tiefen Zug und blies ihm den Rauch ins Gesicht. Ich ging zu Schotti’s Bett zurück und hielt ihm die Zigarette an den Mund; er atmete gierig den Rauch ein, hustete ihn aber gleich wieder aus und lief ganz rot an im Gesicht. Dann lachte er. Die Fenster und die Türen zur Gartenseite hin standen offen. Es war Sommer. Von draußen konnte man das Gezwitscher der Vögel hören. Die Amseln schrien laut. Es ging schon gegen Abend. Wann er denn das letzte Mal draußen im Garten oder auf der Terasse gewesen sei, fragte ich den Schotti. „Ich weiß es nicht mehr”, sagte er; „es war in einem anderen Leben”, fügte er hinzu und sah mich traurig an. „Schotti, ich muß gehen”; sagte ich; „es hat schon geklingelt.” „Ja”, sagte er tonlos und schon mit geschlossenen Augen, „ja, ist recht.”

Und nun stehe ich an seinem Bett, in dieser Kammer. Und da liegt der Schotti, der sich sowieso nicht mehr rühren kann, und er ist verschnürt wie ein Bündel. Die Kirschen wird er nicht mehr essen können, denke ich; aber ich lasse sie ihm da, vielleicht sieht er sie wenigstens noch und freut sich. Es ist dämmrig geworden. Die Sonne ist untergegangen. Von draußen auf dem Gang höre ich Stimmen und Geräusche. Das Abendessen wir ausgetragen. Türen schlagen zu. „Schotti”, sage ich leise, „ich muß jetzt gehen.” Und dann mache ich ganz langsam die Tür hinter mir zu. Bevor ich sie aber hinter mir schließe, sage ich noch durch den Türspalt zurück hinein in das Zimmer: „Servus, Schotti!“ Und: „Gute Reise, mein Lieber, auf deinem Weg!” Vielleicht hat er diese Worte zum Abschied noch gehört.

Wien, 5. November 2001


Das Mühlviertel – Land und Leute
Auf den Spuren der Erinnerung

Jedes Mal, wenn ich – und dies seit bald 50 Jahren – von Linz-Urfahr aus, an Puchenau und Ottensheim entlang der Donau vorbei ins Mühlviertel komme und beim Bahnhof Rottenegg die Große Rodl überquere, muß ich daran denken, was mir – meist an der gleichen Stelle und bei der gleichen Gelegenheit – mein Vater von meinem Großvater erzählt hat: Daß nämlich der Großvater, der Frächter bzw. Bote war und mit seinen Pferden noch vor dem Bau der Mühlkreisbahn (1888) die Fracht aus Linz-Urfahr nach Haslach ins Mühlviertel und von dort in die nähere Umgebung gebracht hat, jedes Mal beim Gasthaus ,,Saurüssel”, das es auch schon längst nicht mehr gibt, abgestiegen ist. Dort hat er seine Rösser versorgt und ist dann ins Gasthaus eingekehrt, hat sich ein Viertel Weißwein und eine Knackwurst gekauft und sich so vor der langen, steilen und gewundenen Wegstrecke des ,,Saurüssels” gestärkt. Und daß er dann nicht wieder auf den Wagen aufgesessen, sondern den gan­zen langen Weg neben den Pferden hergegangen ist und sie geführt hat, damit es die Pferde nicht so schwer haben. Erst nach dem ,,Saurüssel”, bei der heutigen Bahnstation Lacken, ist er wieder aufgestiegen. Wenn er über Neufelden gefahren ist, hat er in Altenfelden, und wenn er über St. Peter am Wimberg gefahren ist, hat er eben dort noch einmal Rast gemacht und ist eingekehrt. Oft ist er erst spät in der Nacht nach Hause gekommen, manchmal ist er auf dem Kutschbock eingenickt, aber die Pferde haben ihren Weg gewußt, weil ,,die Rösser sind ja gescheit, oft mehr als die Leut”, das war sein Spruch. Und er hat seine Rösser über alles geliebt. Mit ihnen hat er sogar geredet – mit den Kindern, die noch ,,Sie” oder ,,Herr Vater” haben sagen müssen, sowieso nichts, mit der Frau nur selten, das Allernötigste. Er war ein schweigsamer Mensch, nicht sehr umgänglich, wortkarg, verschlossen, streng. Ein „Roanbauer”, ein echter Mühlviertler.

Beim Roanbauern – das war ein schöner, großer Hof, den es heute auch nicht mehr gibt, weil man ihn abgerissen hat und statt dessen ein ,,Lego-Häusl” mit großen Fenstern und Gästebetten für die Fremden im Sommer, die ,,Urlaub auf dem Bauernhof” machen, hingesetzt hat – gab es immer viele Kinder. Beim Urgroßvater, Jakob Wiplinger (geb. 1811), waren es 16 oder 17; viele sind schon früh, manche noch vor Erreichung des Schulalters gestorben. ,,Was Lediges” hat er auch gehabt, aber darüber hat man nicht gesprochen und sich nicht aufgeregt, das war halt so. Alle Kinder haben mit 14 Jahren vom Hof weg müssen, damit es von vornherein keinen Streit gibt. Nur der Älteste oder der Jüngste, je nachdem, wer für die Übernahme ausersehen war, ist am Hof geblieben. Der hat dann am eigenen Hof als ,,Knechtl” anfangen müssen und er hat dann nicht mehr gegolten als die anderen Dienstleute, eher ist er noch härter angefaßt worden. Die anderen Kinder sind alle der Reihe nach ,,in den Dienst” gekommen. Von einer Maria Lichtmeß (2. Februar) bis zur nächsten ist der Vertrag gegangen. Der war zwischen dem Dienstherrn und dem Vater des Dienstboten ausgemacht und wurde mit einem Handschlag und den knappen Worten ,,es gilt” besiegelt. Geld hat es meist keines gegeben, nur Kost und was ausgemacht war an Gewand. Dafür harte Arbeit von früh bis spät in die Nacht – von 5 Uhr früh im Sommer, in der Erntezeit sogar von 4 Uhr früh, bis es dunkel war. Am Sonntagnachmittag war frei. Da war auch um zwei Uhr ,,der Segen” in der Kirche. Ins Wirtshaus gehen, das war nur etwas für die Bauern. Heimgekommen auf den elterlichen Hof ist unterm Jahr kaum jemand, und so hat man sich im Lauf der Zeit, wie der Vater sagte, „irgendwie aus den Augen verloren”.

Auf meine Frage, was denn mit den vielen Geschwistern vom Großvater war, wo sie hingekommen waren, was sie beruflich gemacht und ob sie Familien gehabt haben, hat mir mein Vater immer nur zur Antwort gegeben: ,,Mein Gott, das weiß ich nicht, dein Großvater” – er sagte nicht ‚mein Vater’ – „hat darüber nie gesprochen.” Ich habe nie die Geschwister von meinem Vater (also Onkel und Tanten) zu Gesicht bekommen. Auf die Frage, ob er sich das nicht gewünscht habe, ob er nicht irgendwie unglücklich gewesen sei in dieser – heute würde man sagen – familiären Isolation, hat mein Vater immer nur gesagt: ,,Na warum, das war halt so. – Und die Mutter war eh lieb zu uns Kindern und ein guter Mensch.”

Mein Vater wuchs zwar nicht in ärmlichen, aber doch in bescheidenen Verhältnissen auf. Mein Großvater war Fuhrwerker, er hatte einen schwarzen Rappen, den „Rigo”, an dem er sehr hing. Meine Großmutter, 1877 geboren und relativ früh verstorben, sie war um einiges jünger als der Großvater, hatte das Geschäft als Frächterin in der Hand. Sie war die letzte ,,Linzer Botin”. Neben Haushalt und Kindererziehung betrieb sie auch eine winzig kleine Landwirtschaft, d.h. es gab eine Kuh, ein paar Schweine und Hühner im Stall, der hinten im Hof des Bürgerhauses auf dem Marktplatz war. Selbstverständlich stand auch bei ihr daheim, so wie in vielen anderen Haslacher Haushalten, ein Handwebstuhl, auf dem sie in Heimarbeit webte, ein kleiner Zuerwerb in Lohnarbeit. Die Leinwand wurde im Stück erzeugt, gehandelt und abgerechnet. Auch für den Eigenbedarf wurde gewebt: Leintücher, Hand- und Geschirrtücher, Gradl und anderes. Noch heute habe ich ein Stück einer solchen Großmutterleinwand, das ich einmal fast feierlich von meiner Mutter überreicht bekommen habe, und das ich wie einen Familienschatz hüte, der er ja auch ist. Zur Hausweberei kam in vielen Familien als weiterer Nebenerwerb auch noch das sogenannte ,,Knopferlnähen”. Da saßen die weiblichen Familienangehörigen – und das bedeutete oft auch erst zehnjährige Mädchen – rund um einen Tisch, auf dem ein Berg Eisenringerl lag, die alle mit Zwirn eingefaßt und ausgenäht werden mußten. Bezahlt wurde nach der Stückzahl; das war also die erste Akkordarbeit in der Hausindustrie.

Das Leben war bescheiden und einfach, so auch die Kost. An Wochentagen gab es Kraut und Erdäpfel, das hatte man ja selbst vom Acker. Am Samstag aber gab es auch manchmal Rindfleisch mit Semmelkren und am Sonntag ein ,,Bratl” mit Mühlviertler Mehlknödeln. Das Fleisch teilte bei Tisch immer die Mutter aus; als erster bekam der Vater und dann nach dem Alter zuerst die Söhne und dann die Töchter. Eine besondere, heute von der Speisekarte fast schon ganz verschwundene Spezialität waren die gebackenen Speckknödel: Schwarzer Speck in Erdäpfelteig, mit einem Gemisch aus abgesprudelten Eiern und Milch überschüttet und dann im Rohr gebacken; dazu natürlich Kraut. Oft gab es auch Leinölerdäpfel; mit der Schale gekocht und dann geschält, zerdrückte man sie im Teller mit der Gabel und machte in der Mitte eine kleine Vertiefung, in die man das heiße Leinöl hineingoß. Dazu trank man heiße Milch. Das Leinöl hatte man von den Kapseln des Leinenhanfes, es wurde in Mühlen geschlagen. Überall im Oberen Mühlviertel wurde ja Hanf, der das Grundmaterial für die Leinenerzeugung war, angepflanzt. Zur Blütezeit waren die Hügel ganz blau vom blühenden Hanf. Mit dem Aufkommen der Baumwolle als Grundstoff für die Textilindustrie und mit den ersten maschinellen Baumwollspinnereien ist das dann alles verschwunden.

Abends gab es Milch-, Rahm- oder Mehlsuppe, saure Suppe oder ein ,,Koch”. Dieses war warm oder kalt, entweder ein Grießkoch, ein Beerenkoch oder ein Apfelkoch. Dazu gab es von Hand gewuzelte Erdäpfelnudeln oder Grieß- bzw. Bröselnudeln. Auch das Hollerkoch, mit Äpfeln oder Zwetschken drin, gab es oft, meistens am Freitag. Dann noch die sogenannten ,,Wespennester”. Die waren aus ausgewalztem Erdäpfelteig, mit Schwarzbeeren gefüllt und zu kleinen Taschen geformt, die man in einer Rein aufgeschichtet überbackte. Auch an die ,,Sähbean”-Nudeln erinnere ich mich noch gut. Das waren Erdäpfelnudeln mit saurer Milch und Apfelstückchen; wie sie schmeckten, weiß ich noch heute – wie man diese schreibt, konnte ich jedoch nie in Erfahrung bringen. Beliebt und gängig war auch das Geselchte, als Ripperlfleisch oder im Ganzen, sowohl warm als Hauptspeise als auch kalt zur Jause. Der Großvater hat es am liebsten gehabt, wenn das Fleisch schon ,,einen Stich” gehabt hat und ,,geblattelt” hat; heute würde man solches Fleisch als verdorben bezeichnen und wegwerfen.

Es gab Fasten- und Festtagsspeisen, die ganz von der Tradition bestimmt waren. Das Hausgetränk war der Most. Zur Jause gab es einen ,,Sauren Kas”, einen süßen „Topfenkas”, einen ,,Gekochten Kas” oder ,,Erdäpfelkas”; und natürlich Speck. Gebratener, heißer Speck, manchmal auch mit Ei vermischt, war ein besonderer Leckerbissen. Ja und die Strudel dürfen nicht vergessen werden: Kirschenstrudel, Grießstrudel, Weinbeerstrudel, Apfelstrudel. Manchmal wurden verschiedene Strudel in einer Rein gemacht. Als Kind habe ich noch am Vormittag beim ,,Strudelausziehen” geholfen, und wehe ich habe in meiner Ungeduld Löcher in den dünnen Teig gemacht! Auch Mohnnudeln gab es manchmal. Früher wurde, wie jetzt noch im Waldviertel, auch im Mühlviertel viel Mohn angebaut.

Diese Mühlviertler-Kost hat sich – wie alles, was aus einer Tradition heraus entsprang und so mit ihr verbunden war – bis weit in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, bis in die russische Besatzungszeit hinein erhalten, und auch ich bin mit ihr aufgewachsen. Sie hatte mit dem Selbstversorgungsgedanken und der Selbstversorgungspraxis der Bewohner dieser Gegend und dem sozialen und wirtschaftlichen Gefüge zu tun. Wie sehr sie mir auch damals als eintönig, ja als einfallslos erschien, so sehr sehne ich mich heute nach diesen unverfälschten Speisen meiner Kindheit. Noch immer bin ich auf der Suche nach solchen Inseln der Gastronomie im Mühlviertel, wo es in einem Landgasthaus noch einen ,,Leberschädel” mit Kraut und mit nicht nach Kunstdünger süßlich schmeckenden Erdäpfeln und einen gemischten Most oder einen ,,Ziegerlkas” oder ,,Pofesen” gibt. Aber auch diese Inseln sind – so wie fast alles, was mühlviertlerisch war und ist – fast zur Gänze verschwunden. Die Sozialstruktur in der vierten Generation unserer Stamm-Familie änderte sich dadurch entscheidend, daß mein Vater mit 10 Jahren ,,in die Studie” kam: nach Linz-Urfahr, ins bischöfliche Knabenseminar Petrinum. Das war etwas ganz Außergewöhnliches damals, vor allem auch im Mühlviertel als einer armen Gegend, daß jemand ein Gymnasium besuchte. Meist war das nur der Fall bei ganz wohlhabenden Familien oder wenn man den Betreffenden dazu ausersehen hatte, daß er Pfarrer werden sollte. Das einzige Gymnasi­um, das es seinerzeit im Mühlviertel gab, war das in Freistadt (gegründet 1867), aber schon damals führten – in Abwandlung des Sprich­wortes ,,Alle Wege führen nach Rom” – was das Mühlviertel betrifft: alle Wege nach Linz. Auch Hauptschulen – ,,Bürgerschulen” be­zeichnenderweise genannt – gab es bis lang nach dem Zweiten Weltkrieg nur wenige; dies in den Orten, wo die Verwaltung war, die Bezirkshauptmannschaft – bei uns oben also in Rohrbach. In der Regel besuchte man die Volksschule. Der Weg dorthin war, vor allem für die Bauernkinder der weit verstreuten An­siedlungen und Einschichthöfe, der kleinen Weiler und der umliegenden Dörfer, oft sehr weit, stundenlang, und auch beschwerlich, besonders im Winter. Auch in die Hauptschu­le nach Rohrbach gingen die Kinder von Haslach zu Fuß, was einen täglichen 10-km-Fußmarsch bedeutete. Heute fahren überall Schulbusse, die Schüler werden zur Schule und wieder nach Hause gebracht. Das Bildungsangebot ist selbstverständlich und der Bildungserwerb wird – jedenfalls was die äußeren Umstände betrifft – wesentlich erleichtert. Früher hat man sich das alles schwer erringen müssen, aber man hat auch ein Leben lang um den Wert des mühsam Er­rungenen gewußt und das geschätzt. Viele hatten überhaupt keine Möglichkeiten, weder was die Bildung, noch was den sozialen Auf­stieg betraf. Wer arm war, blieb arm, ein Leben lang.

Mein Vater kam nach der Matura sogar nach Wien auf die Hochschule, er studierte Bodenkultur, einige Semester, dann mußte er wegen der schweren Wirtschaftskrise und der dadurch bedingten Inflation nach dem Ersten Weltkrieg das Studium abbrechen. Vorher hatte er aber bereits meine Mutter kennengelernt, die in Haslach im Lindorfer-Kaufhaus als Verkäuferin angestellt war. Viele Jahre sind sie ,,miteinander gegangen”, bevor sie heiraten konnten. Dann sind sie ein ganzes, langes Leben miteinander gegangen; und hatten zehn Kinder.

Meine Mutter war nicht aus dem Mühlviertel, sie stammte von jenseits der Donau, aus der Grieskirchner- bzw. Eferdinger-Gegend; und sie war – man könnte fast sagen: in allem – das Gegenteil zu meinem Vater und auch zu dem, was man als Mühlviertler-Mentalität bezeichnen mag. Aus ihrem zeitlebens nicht abgelegten Widerspruch zu allem im Mühlviertel Vorgefundenen, den sie manchmal sogar heftig artikulieren konnte, bezog ich die beste und treffendste Beschreibung dessen, was das Mühlviertel und der Mühlviertler – wenn man das so verallgemeinernd überhaupt sagen darf – ist. Sie sprach immer davon, wie verschieden voneinander der Menschenschlag hüben und drüben sei. Aber je länger sie im Mühlviertel lebte, um so mehr liebte sie beides: das Land und die Leute. War der Vater ruhig, verhalten, still, anspruchslos, bescheiden und gefügig, ja geradezu in sein Leben und Schicksal und in die Gegebenheiten des Alltags ergeben, eher weich, aber doch von einer gewissen Bestimmtheit, Beständigkeit und Beharrlichkeit und liebte er die Zurückgezogenheit, auch die in sich selber und in das Schweigen, also – bei aller wesensmäßigen und charakterlichen Individualität doch Eigenschaften, ja Eigenheiten des Mühlviertler Menschenschlages, so war meine Mutter im Gegensatz dazu lebendig, dynamisch, ständig in einer gewissen Unruhe, die alle möglichen – mein Vater sagte: unmöglichen – Pläne reifen ließ. Sie war anspruchsvoll, fordernd, voll Widerspruchsgeist, der sie nichts ungefragt und widerspruchslos und manches nur in schwer auferlegter Disziplin hinnehmen ließ; sie war sprunghaft, manchmal sogar unberechenbar in ihrem Wesen, eigentlich immer. Für sie mußte alles leben, lebendig sein, stete Veränderungen liebte sie, genauso wie das Infragestellen und das Hinterfragen des Selbstverständlichen und den regen Umgang, auch in langen Gesprächen und Diskussionen, mit den Leuten. Sie konnte begeistert sein und sich für etwas begeistern. Sie mochte keine Disziplin. Ihr Ich war immer in Aufruhr und Auflehnung. Sie wollte über etwas hinaus, über jene Barrieren, die man in der Gegend und bei den Menschen hier als – der Vater hätte es so genannt – gottgewollte und gottgegebene Ordnung ansah und so als selbstverständlich hinnahm und akzeptierte.

Sie war oft voll Euphorie über die Schönheit und die mehr als nur sinnlich erlebbare und stimulierende Wirkung der Landschaft, wenn wir an einem jener wunderbar klaren Herbsttage irgendwo oben auf der Höhe – bei der Winkler-Wirtin ,,auf der Hoad” bei St. Stefan am Walde, beim Berger-Wirt in Afiesl, am Hansberg oder am Ameisberg – saßen und hinunter schauten in die traumhaft schöne, wie ein Bilderbuch Gottes vor uns ausgebreitete Landschaft mit dem Toten Gebirge der Alpen am Horizont. Sie sagte dann voll Überschwang: ,,Mein Gott, Vater, ist das schön, fast nicht zum Aushalten!” Und der Vater sagte darauf: ,,Ja, is eh schön.” Der Vater war, wie ein Kind, eingebettet in die Schönheit, er hatte es nie anders erlebt. Die Mutter aber begriff, was das war und bedeutete. Auf die Selbstverständlichkeit, die in Vaters Bemerkung ,,ja, is eh schön” lag, antwortete sie jedesmal: „Ihr wißt ja gar nicht, wie schön das ist!” Die Mutter war es auch, die das Leben im Haus bestimmte. Sie hatte auch das Geschäft, eine ländliche Gemischtwarenhandlung, fest in der Hand. Der Vater, man könnte es so sagen, war für das Was, für den Lebensinhalt, bestimmend und verantwortlich, die Mutter aber für das Wie, für die Lebensform. Beim Vater war alles auf Tradition, auf überkommene Werte und Formen aufgebaut, die Mutter brachte da einen neuen Wind hinein. Der Vater lebte – auch darin wieder ein echter Mühlviertler – alles ,,aus dem G’spür” heraus, die Mutter hinterfragte alles, wollte alles begreifen und aus diesem Begreifen heraus gestalten. Für den Vater war es genug Erklärung, daß alles so ist, wie es schon immer gewesen war und es war gut so für ihn – und wie er meinte, auch für uns. Er suchte Geborgenheit im Leben durch eine strenge Ordnung, die er seinem und unserem Leben auferlegte. Für die Mutter war das Leben eine Herausforderung, auch dazu, es anders zu gestalten als sonst üblich. Sie ging den Weg vom Begreifen und Verstehen hin zur Liebe – auch zum Mühlviertler Land und zu seinen Menschen, die zunächst für sie, wie sie immer wieder betonte, etwas sehr Fremdes, Verschlossenes, ja fast Unnahbares waren. Der Vater ging den umgekehrten Weg, d. h. eigentlich war das nie ein Weg, sondern eine sehr ursprüngliche Haltung: Er kam vom Gefühl, von der Liebe zum Begreifen und Verstehen. Manchmal schien es, als genüge ihm diese Liebe allein. Umwege über den komplizierten Verstand mochte er nicht. Er liebte die Einfachheit, das Schlichte. Er hatte ein sicheres Gespür und damit auch ein Wissen um das Wesentliche. Bei aller Bildung und sowohl als Kaufmann wie als Bürgermeister war er sein ganzes Lebens hindurch ein ,,Roanbauer”, ein echter Mühlviertler, geblieben.

Tradition setzt sich, wenn man sie nicht gewaltsam zerstört wird, wenn sich nichts Grundsätzliches ändert, fast naturgemäß fort. Der Vater hatte studiert, also studierten auch die Söhne. Mein ältester Bruder Max kam mit zehn Jahren ins neu errichtete Stiftsgymnasium nach Schlägl, ein anderer Bruder nach Wilhering und Dachsberg und ich – wie einst schon unser Vater – mit zwei Brüdern ins bischöfliche Knabenseminar Kollegium Petrinum nach Linz-Urfahr.

Schon seit jeher gab es eine enge Verbindung des Stiftes Schlägl mit seinen dem Stift inkorporierten Pfarreien, also auch mit Haslach. Seit mein Bruder Max in Schlägl gewesen war, gab es auch eine enge Verbindung unserer Familie zu diesem einzigen „lebenden Stift” im Mühlviertel. Die Stifte Baumgartenberg und Säbnich-Waldhausen sind ja leider – und dies sehr zum Schaden für die gesamt-kulturelle Entwicklung des Mühlviertels – bei der Kirchenreformation unter Joseph II. aufgehoben worden und so als Bildungszentren weggefallen.

Mein Bruder Max besuchte also das vierklassige Stiftsgymnasium in Schlägl. Er war auch bei den Schlägler Sängerknaben und erhielt in diesem Rahmen seinen ersten Musikunterricht, er lernte Geige und Klavier, was sicher den Grundstein für seine spätere musikalische Laufbahn als Komponist sakraler Musik und als Chorleiter des Haslacher Kirchenchores sowie des von ihm gegründeten ,,Mühlviertler Singkreises” war. Außerdem leitete er viele Jahre hindurch die kirchenmusikalischen Aufführungen, vor allem an hohen kirchlichen Festen, sowohl im Stift Schlägl als auch in Haslach. In den letzten Jahren spielte er oft an Sonntagen die Orgel in der Kirche in St. Wolfgang am Stein, einer kleinen Wallfahrtskirche, die ihre Gründung der Beendigung des Dreißigjährigen Krieges und der Bauernaufstände sowie der darauf folgenden Rekatholisierung durch die Gegenreformation verdankt.

Religion und Kirche, oder besser gesagt: Religiosität und eine tiefe, vor allem emotional verankerte Frömmigkeit, bildeten überhaupt den Grundpfeiler des privaten und öffentlichen Lebens. Die Macht der Kirche war Jahrhunderte hindurch auch oben im Mühlviertel nicht nur eine Macht des Geistes und eine Kraft der Kontemplation. Ihre auch heute noch vorhandene Macht und Bedeutung erstreckte sich auch auf das Politische, weil sie als Vertreterin der Kolonialisierungs- und Lehensherren sowie der reichsunmittelbaren Fürsten oder Bistümer (Passau) eine besondere Stellung bis ins 19. Jahrhundert einnahm. Die Klöster und Stifte Schlägl, Baumgartenberg, Säbnich-Waldhausen, Wilhering, St. Florian, Kremsmünster, um nur die für das Mühlviertel wichtigsten zu nennen, waren, wie es ihre Bezeichnung verdeutlicht, Stiftungen adeliger Grundherren oder der Landesfürsten mit der Zielsetzung und dem Auftrag der Christianisierung als auch der Kolonialisierung der ihr kirchlich und weltlich zugehörigen Gebiete. Sie betrieben die Rodungen selbst. Das ganze Land war ursprünglich von einem undurchdringlichen Urwald, dem Nordwald, überdeckt, durch den allerdings schon in frühester Zeit Handelswege, als erstes die Salzsteige, vom Süden nach Norden führten. Die Prämonstratenser aus dem Stift Schlägl gründeten und betreuten die Rodungspfarren, die Altpfarren, aus denen sich dann weitere Pfarreigründungen ergaben.

Der Jahresablauf erfuhr seine natürliche Gliederung durch die Jahreszeiten und die damit verbundenen Tätigkeiten, sowohl in der Landwirtschaft – wie das Säen, die Feldarbeit und die Ernte – als auch im Handel durch Märkte – wie z. B. der große Nikolaimarkt am 6. Dezember in Haslach – und im Gewerbe, aber auch vor allem durch die hohen kirchlichen Feste – wie Weihnachten, Ostern, Pfingsten, Fronleichnam, Allerheiligen/Allerseelen – und durch die Einteilung des Kirchenjahres in bestimmte Abschnitte, wie den Advent und die Fastenzeit; oder im gesellschaftlichen Bereich durch den Fasching. Der Lebenslauf wiederum erhielt seine bestimmenden und bleibenden Erlebnis- und Erinnerungswerte durch Geburten, Taufen, durch die damit verbundenen und gefeierten Geburts- und Namenstage, durch die Erstkommunion, die Firmung, durch den Schuleintritt, den Schulbesuch, den Schulabschluß; oder den Abschluß der Lehre. Die Schule bedeutete für viele Kinder, vor allem für die Bauernkinder aus den weit entfernt liegenden Dörfern und Siedlungen, auch eine Öffnung nach außen, aus ihrer familiären und klein-gemeinschaftlichen Geschlossenheit, und auch einen Lernprozeß im Sinne der sozialen Integration. Ganz besonders wichtig waren natürlich die Hochzeiten, die je nach Zugehörigkeit zum sozialen Stand oder nach eigenem Sozialstatus gestaltet und gefeiert wurden; im Mühlviertel nannte man das ,,ausgerichtet” und die Braut war ,,ausstaffiert”. Da gab es eine ,,Kleine Hochzeit” und eine ,,Große Hochzeit”. Die schönsten Hochzeiten waren die großen Bauernhochzeiten, wo die Hochzeitsgesellschaft bei einer großen Verwandtschaft oft 150 Leute ausmachte – man wollte zeigen, was man hatte und in welches Haus die zukünftige Bäuerin einheiratete oder aus welchem Haus der Bräutigam stammte. Da lohnte sich für den „Vorspanner” das „Vorspannen”, wenn der Hochzeitszug aus der Kirche kam und die Gasse hinauf zum Marktplatz nicht eher passieren durfte, als bis jeder seinen Obolus in das an einem Strick hängende Körberl entrichtet hatte, nachdem der Vorspanner dem Brautpaar mit traditionellen Sprüchen Glück und Segen gewünscht hatte. Voran ging die Blasmusik – die „Bauernmusi” -, lauter Blech- und Holzbläser. Bei uns war das die bekannte und beliebte ,,Koanzn-Musi” vom Koanzn-Hof – nach dem Dorf Kasten, an der Straße von Haslach nach St. Peter am Wimberg gelegen -, die dann von einem Gasthausbesuch zum anderen „hinüberspielte”, wie man das nannte, wenn der Hochzeitszug das Gasthaus wechselte, und die am Abend dann natürlich auch aufspielte zum Hochzeitstanz. Alles hatte seine Ordnung, jeder hatte seinen ,,Stand”, der seiner Stellung im Sozialgefüge entsprach.

Wichtig waren auch die Begräbnisse, wo unter großer Teilnahme von Verwandten, Freunden, Nachbarn und Bekannten und oft mit Abordnungen von Jagdkameraden, der Feuerwehr, der Bürgergarde und der Musik oder einem anderen der vielen Vereine im Ort, der oder die Verstorbene – die früher ja noch im eigenen Haus zur Totenwache aufgebahrt wurden – in einem großen Trauerzug auf dem letzten Weg von der Kirche zum Friedhof begleitet wurde. Der große Ernst und die tiefe Trauer, die diese Menschen dort oben im Mühlviertel dann oft noch mehr in sich selber einschloß, als sie es ohnedies schon immer gewesen waren, dieses große Abschiednehmen, haben mich stets – schon als kleinen Ministranten, der ich an vielen solchen Begräbnissen beteiligt war – auf das tiefste beeindruckt, berührt und erschüttert.

Um so mehr habe ich mich immer auf die schönen Feste gefreut. Und meine Eltern haben uns Kindern dadurch ein kostbares Geschenk für das ganze Leben gemacht, indem sie mit besonderer Liebe und Sorgfalt, aber auch mit der dazu passenden und erforderlichen Großzügigkeit diese Feste gestaltet und mit uns gefeiert haben. Es war damit vielleicht auch der Wille zur sichtbaren Zeichensetzung, wofür man stand (Ständestaat/Nazizeit), verbunden; es sollte damit gezeigt und manifestiert werden, welchen Stellenwert Kirche und Religion im Leben unserer Familie einnahmen und weiterhin einnehmen sollten.

Schon lange vor Weihnachten begann die vier Wochen dauernde Zeit des Advents. Draußen war es noch dunkel und kalt, wenn wir in die Kirche zur Rorate gingen, aber drinnen umfing uns in der Gemeinschaft der Gläubigen mit den ersten Strophen des Liedes „Tauet Himmel dem Gerechten, Wolken regnet ihn herab …” eine tiefe, ja letzten Endes eine aus einer unbekannten Mystik heraus geborene innere Wärme. Wie lebendig sind noch diese Erlebnisse als Bilder aus einer längst vergangenen Zeit in mir. Wenn nach der letzten Adventandacht, die im Kreis der Familie täglich mit Rosenkranzbeten und einer kurzen Betrachtung stattfand, der Vater dann feierlich das Weihnachtsevangelium vorlas, alle vier Kerzen hell am Adventkranz brannten, und mitten in unser Singen des schönen Liedes ,,St. Joseph geht von Tür zu Tür …” oder ,,Ihr Kinderlein kommet …” plötzlich und ganz zart das Glöcklein läutete und wir in das andere, in das „schöne Zimmer” hinaufgingen, wo uns ein durch den Kerzenschein des Christbaums hell erleuchteter Raum wie ein Wunder empfing, dann war das für uns Kinder ein fast überirdisches Erlebnis. Einen Augenblick solcher Freude habe ich in meinem Leben nie mehr erlebt. Es war auch das Erleben der Familiengemeinschaft, die wiederum in der Gemeinschaft jedes Einzelnen und jener der ganzen Familie mit Gott begründet war und von daher Sinn, Ausdruck, Wahrheit und Erfüllung bezog. Und wenn dann das Turmblasen begann, machten wir uns alle auf, um zur Mette in die Kirche zu gehen. Überall hörte man die kleinen Glöckchen vom Pferdegeschirr der Bauernkutschen läuten, wenn sie auf dem Marktplatz einfuhren, wo die Pferde in einem Stall ausgespannt und versorgt wurden. Die Bauern fuhren damals, bevor sie in den Fünfziger- und Sechziger-Jahren dann auf Kraftfahrzeuge und Traktoren umstiegen, im Winter noch mit ihren Pferdeschlitten und im Sommer mit ihren Kutschen zur Messe. Und dann die Mette! Die feierliche Liturgie, mit allen Priestern der Pfarre gemeinsam gefeiert. Damals gab es noch lateinische Messen, bei denen auch einfache Leute, aber fleißige Kirchenbesucher mitbeten konnten. Dann das Weihnachtsevangelium, feierlich vom Diakon singend vorgetragen. Dann die Predigt. Und nach der Wandlung erklang, von allen gesungen, das wunderbare Weihnachtslied ,,Stille Nacht, Heilige Nacht”. Das alles war mehr als eine bloß liturgische Handlung, das war tiefstes Gemeinschaftserleben der Frohbotschaft, die ein Engel zu den Hirten einst mit folgenden Worten sprach: „Fürchtet euch nicht! Denn seht, ich verkünde euch eine große Freude, die allem Volke zuteil wird. Heute ist euch in der Stadt Davids der Heiland geboren worden, Christus der Herr …”

Auf Weihnachten folgte das Osterfest mit der vorangehenden Karwoche und der Fastenzeit, die mit dem Aschermittwoch begann, an dem man vom Priester Asche auf das Haupt gestreut bekam, mit den Worten: ,,Gedenk, o Mensch, du bist nur Staub und wirst zu Staube werden!” In der Kirche wurden die Bilder und Statuen an den Altären mit einem großen, violetten Fastentuch verhängt. Lange schon vor der Karwoche suchte man die schönsten Haselnußstauden mit den längsten und geradesten Trieben, schnitt diese ab und stellte sie in Wasser in der Nähe des Ofens, damit sie austrieben. Am Abend vor dem Palmsonntag banden dann die Eltern für uns Kinder die Palmbuschen oder den Weihpalm. Im Unteren Mühlviertel hießen sie bezeichnenderweise Palmbeserl. Manchmal waren diese Palmbuschen sogar angestückelt und einige Meter hoch. Unten waren sie mit ,,Segenbaum”, der herrlich duftete, und mit Immergrün zusammengebunden. Innen im Palm war ein dünner Stecken, auf dem schöne rote Äpfel aufgespießt waren. Und der ganze Palmbuschen war mit bunten Bändern, die im Wind flatterten, herrlich geschmückt. Jedes Kind bis hinauf zu den Fünfzehn- und Sechzehnjährigen hatte so einen Weihpalm; und man war sehr stolz darauf. Es gab jedesmal einen Wettstreit, wer wohl den längsten Palmbuschen hatte, den er natürlich auch tragen können mußte. War man darin ungeschickt, zu schwach oder zu unsicher, dann hat man gleich die spöttische Bemerkung gehört: ,,He, Bua, wo geht denn dein Weihpalm mit dir hin?” Der Nachbarort Rohrbach und das weiter entfernte Putzleinsdorf waren bekannt dafür, daß es dort die größten, die dicksten und die längsten Palmbuschen gab. Als einmal ein besonders vorwitziger Bauernbub sich bei uns in Haslach in der Kirche unter die Kanzel stellte und versuchte, den Pfarrer während der Predigt auf der Kanzel mit dem Weihpalmspitzel im Gesicht zu kitzeln, da hat der Herr Pfarrer Obermüller auf einmal sein Taschenmesser aus dem Hosensack herausgenommen, mit einem einzigen Schnitzer schnell die Spitze von dem Weihpalm abgeschnitten und laut in die Kirche hinein gesagt: ,,So, jetzt ist uns leichter – dir und mir.” Alle Leute haben dann ganz laut gelacht, auch der Pfarrer. Humor gibt es also auch im Mühlviertel, wenn auch eher selten.

Am Gründonnerstag war in der Früh eine Messe mit einem ganz festlichen Gloria, bei dem alle Glocken laut und lang geläutet haben; auch ich habe mit der Ministrantenglocke fest geschellt. Und auf einmal war alles ganz ruhig und still. ,,Die Glocken sind nach Rom zum Heiligen Vater geflogen” hat man uns gesagt. Ab Gründonnerstag sind wir Buben dann ,,Ratschen gegangen”: Um 12 Uhr, wenn sonst die Mittagsglocken geläutet haben, sind wir – etwa zwanzig bis dreißig Buben – durch den Ort marschiert, haben geschrieen ,,Ratschen-ratschen zwölfe” und haben dann dazu geratscht. Auch in die Häuser sind wir ratschen gegangen und haben überall, vor jeder Tür kniend, den ,,Engel des Herrn” gebetet. Am Karsamstag sind wir dann ,,absammeln” gegangen; da haben wir Eier, Speck, Geld, Süßigkeiten und anderes bekommen, das nachher vom Herrn Pfarrer unter uns aufgeteilt wurde. Am Karfreitag gab es keine hl. Messe, dafür aber eine lange Liturgie, mit Lesungen, Fürbitten und der „Kreuzverehrung”. Während des Liedes ,,Heil’ges Kreuz sei hoch verehrt, Zeichen Christi, meines Herrn …” sind alle nach vorne zum Kommuniongitter (das es heute auch nicht mehr gibt) gegangen und haben die Wunden Jesu Christi am Kreuz, das auf einem schwarzen Tuch und beim Kopf auf einem Polster auf dem Boden lag, geküßt. Dies zum Zeichen der Demut und der Anteilnahme am Tod Jesu Christi. Auch der stolzeste Bauer hätte dieses Zeichen nie verweigert. Der Karfreitag war ein strenger Fasttag; natürlich gab es kein Fleisch – genauso wie früher an allen anderen Freitagen nicht – und nur eine einzige Mahlzeit, zu Mittag, meist eine Erbsensuppe, bei der man sich aber auch nicht ganz satt essen durfte. Singen, musizieren, lärmen oder ,,ausgelassen sein” durfte man an diesem „Todestag des Herrn Jesu Christi, des Heilands” auf keinen Fall. Um 15 Uhr am Nachmittag, zur Todeszeit Jesu, hielt man eine Schweigeminute ab. Am Gründonnerstag, Karfreitag und am Karsamstag (bis zur ,,Auferstehung”) waren die Betstunden; von früh bis spät. Der Herr Pfarrer hatte vorher die Einteilung der Betstunden, nach Dörfern und Ortsvierteln geordnet, von der Kanzel herab vor oder nach der Predigt im Rahmen der „Verkündigungen” kundgetan. Jeder hatte auf diese Weise ,,seine Betstunde” zugeteilt bekommen, woran sich alle zu halten hatten und auch gehalten haben. Die Leute haben sich in der Karwoche auch oft stundenlang zum Beichten angestellt. Alles stand im Zeichen von Einkehr, Umkehr, Besinnung, Demut und Buße. Ab drei Uhr am Karfreitagnachmittag wurde dann auch in der Kirche das ,,Heilige Grab”, das schon vorher aufgestellt worden war, enthüllt.

Am Karsamstag war früher, vor allem in der Nazizeit und bevor die sogenannte „Osternacht” eingeführt worden war, die „Auferstehung”. Die Auferstehungsfeier war meistens schon um fünf Uhr, später dann auch um sechs Uhr oder um sieben Uhr am Abend. Die Liturgie war fast die gleiche wie heute. Vor oder hinter der Kirche gab es das Osterfeuer. Dazu kam dann der Priester. Er entzündete am geweihten Feuer die Osterkerze und klopfte dreimal ans Kirchentor, bis dieses wie von selber aufging. Dann ging die Prozession in die Kirche. Hierauf folgte die Weihe der Osterkerze. Beim Gloria kamen dann ,,die Glocken aus Rom zurück”, sie läuteten wie verrückt, und alle Gläubigen sangen laut und inbrünstig das Lied ,,Der Heiland ist erstanden, befreit von Todesbanden”. Das Mysterium der Erlösung und der Auferstehung von den Toten, am Beispiel Jesu Christi als einem erlebbaren und sichtbaren Zeichen und als Hinweis auf die eigene verheißene Erlösung und Auferstehung war etwas, das nicht so sehr mit dem Intellekt begriffen wurde, weil es ja – ein Mysterium – so gar nicht begreifbar war, sondern was als Glaubenswahrheit ja nur im Glauben erfahrbar und empfangbar ist; das erfaßte damals noch den ganzen Menschen bis in sein Innerstes hinein. Die Inbrunst und die tiefe Religiosität waren in solchen Tagen und Stunden als etwas Gesamtprägendes spürbar und erlebbar. Der eigene Tod und der Glaube an die eigene Auferstehung waren damit verbunden. Wenn man heute vom Tod und vom Sterben redet, so denkt man eher an Krankheiten und Kliniken, an Ärzte und an Apparate, an weiße Wände, an eine große Leere am Ende des Lebens. Der Tod hat weitgehend seine religiöse Dimension verloren; und damit auch das Leben.

Das Fest mit der größten Prachtentfaltung aber, das den sichtbarsten und deutlichsten Ausdruck der Pfarrgemeinschaft und ihrer Sozialstruktur bot, ein Schauspiel ganz besonderer Art, ein Fest des im 19. Jahrhundert stark gewordenen Bürgertums mit seiner vielfältig abgestuften Ständegliederung, bei der die enge Verbindung von Kirche, Gesellschaft und Öffentlichkeit wieder deutlich in den Vordergrund trat, war das Fronleichnamsfest mit der Fronleichnamsprozession. Früher nannte man den Fronleichnamstag auch ,,Kranzltag”, weil alle Kinder mit Blumenkränzen aus Margeriten und Kuttelkraut (wilder Thymian) geschmückt waren und solche Kranzerln auf ihren Köpfen trugen, egal ob sie Buben oder Mädchen waren. Im ganzen Ort wurden schon am Vortag frisch geschlagene Birken aufgestellt. Die Fahnen wurden ausgehängt und in die Fenster wurden Heiligenbilder und Kruzifixe mit Blumen und brennenden Kerzen gestellt. Im Ort wurden vier Altäre errichtet, bei denen dann die Prozession jedesmal für eine kurze Andacht haltmachte – mit Lesung, Gebeten, Gesängen und dem Segen mit der goldenen Monstranz, in deren Mitte die große weiße Hostie wie ein Geheimnis, nämlich als der Leib Jesu, schimmerte. In der Früh wurden die Leute schon durch Böllerschüsse der Bürgergarde, die sich aus der Nationalgarde nach den Franzosenkriegen 1808/1809 als Landwehr gebildet hatte, geweckt. Wir durften – oder soll ich sagen: wir mußten – die schönsten ,,Gwandln” anziehen. Die Mädchen waren ganz in Weiß, die Buben in ihrem ersten und meist einzigen Anzug, manchmal ein Matrosenanzug. Wir gingen geschlossen in Gruppen, Buben und Mädchen getrennt, als wir schon größer waren. In der Hand trugen wir eine brennende Kerze. Ganz besonders Auserkorene hatten kleine Körbchen mit Blütenblättern, die sie vor dem Allerheiligsten auf den Weg streuten, das der Priester in der Monstranz unter dem ,,Himmel” – einem von vier Männern auf Stangen getragenen reich bestickten Baldachin – feierlich trug. Alles, was irgendeiner Vereinigung oder einem Verein angehörte, war korporiert und in Uniform vertreten. Hinter dem ,,Himmel” gingen die sogenannten ,,Honoratioren”: der Bürgermeister mit dem Gemeinderat, der Gendarmerieinspektor, der Arzt, die Lehrer mit dem Herrn Schuldirektor, die ,,Goldhauben”-Frauen in ihren prachtvollen seidenen Gewändern mit weitem Reifrock und Schultertuch und auf dem Kopf die eigentlich aus Linz importierte Goldhaube. Dann kamen der Kirchenchor, die St. Josefs-Bruderschaft, die ,,Legio Mariae”, die jungen Burschen und Mädchen, die Männer und Frauen – natürlich streng voneinander getrennt – die Bäuerinnen wieder mit ihren schwarzen ,,Schwalbenschwanz”-Kopftüchern, die Bauern im Festtagsgewand, mit schönen Samtwesten und silbernen Knöpfen und der stolz zur Schau getragenen langen silbernen Uhrkette, oft mit böhmischen Granaten verziert und anderen Anhängseln daran. Auch Abordnungen von Veteranenvereinen gab es, einige sogar noch aus dem Ersten Weltkrieg, mit Fahnen, später, nach dem Russenabzug 1956, auch Männer in Landestrachtanzügen vom sogenannten „Kameradschaftsbund” mit den Kameraden aus dem Zweiten Weltkrieg; manche von denen hatten ihre Orden an der Brust. Natürlich gab es alle Kompanien der Bürgergarde in prächtigen Uniformen mit Federnbuschhelmen, die Offiziere mit Säbeln an der Seite, die Einfachen mit Gewehren, aus denen sie dann beim Segen schossen. Ich habe mich schon früh gefragt und mit meiner Mutter heftig darüber diskutiert, was Tötungsinstrumente wie Gewehre und Säbel und oft genug auch Menschen, die diese Instrumente zum Töten bereits benutzt hatten, bei einer solchen kirchlichen Feier zu Ehren der Einsetzung des Heiligen Altarssakramentes zu tun haben, wie das mit dem Glaubensgedanken christlicher Versöhnung und Friedfertigkeit vereinbar sein soll und kann. Damals als kleines Kind hat mir das Ganze ja noch als eine Art Schauspiel irgendwie imponiert, später aber spürte ich immer mehr eine innere Distanz zu diesem provokativen Zur-Schau-Tragen des Glaubens, den sowieso nur die wenigsten aus dieser Prozession als gläubige und fromme Christen und Katholiken wirklich überzeugt und ernsthaft praktizierten. Das alles war dazu noch verbunden mit einem lächerlich-feierlichen Tamtam, mit Musik und militärischen Kommandos, mit Gewehrschüssen beim Segen mit dem Allerheiligsten, beim Absingen des Schlußliedes „Großer Gott, wir loben Dich!” Eine unwürdige Profanierung der Religion war das, wie mir schien und mir heute noch mehr den je scheint, in manchem auch ein berechnender, jedenfalls ein gedankenloser Mißbrauch des Menschen und seiner Gefühle, seines Glaubens, ein Mißbrauch des Religiösen überhaupt, weil das im Gegensatz zur Wirklichkeit dieser Kirche stand, die noch kurz die Waffen, die Tötungsinstrumente für beide Weltkriege gesegnet hatte und beim Kriegerdenkmal im Zusammenhang mit den Gefallenen noch immer von deren „Heldentod” sprach. Das alles war für mich sehr widersprüchlich, es war ein verlogener Ausdruck einer längst abgelebten, vergangenen, inhaltsleer gewordenen Lebensform und nur mehr aus der Tradition heraus zu „verstehen”. Religion und Glaube hatten mit all dem nichts (mehr) zu tun. Das alles war zum Brauchtum geworden. Und ist heute ein Rest von Brauchtum, das unaufhaltsam und schnell zerbröselt und bald nur mehr Geschichte sein wird, an die sich nur mehr ein paar alte Leute gelegentlich erinnern werden.

Ganz anders waren die Bittprozessionen an den Bittagen. Da sah man fast nur ,,einfache Leute” und mehr die bäuerliche Bevölkerung. Alle gingen, laut den Rosenkranz betend oder die altbekannten Lieder singend, hinter dem Kreuz und den Fahnen mit dem Priester, dem Mesner, dem Zechpropst, dem Vorbeter und den Ministranten einher, meist schon am frühen Morgen, wenn es noch nicht heiß war, auf schmalen Wegen durch die schon grünen Wiesen. Man betete um gutes Wetter, um Schutz vor Hagel, Frost und Sturm, um das gute Gedeihen der Frucht, um Gottes Segen für die Arbeit und überhaupt für sein Leben. Alles war einfach und schlicht und von einem tiefen Glauben erfüllt. Das Wetter und die Witterung, Hagel, Frost und Sturm oder die Dürre im Sommer hatten damals noch etwas mit dem Willen Gottes zu tun und nicht nur mit klimatischen Gegebenheiten.

Auch die Maiprozessionen und Maiandachten waren sehr schön. In den Häusern hatte jede religiöse Familie ihren eigenen schön geschmückten Maialtar mit einem Muttergottesbild oder einer Muttergottesstatue, vor dem im Familienkreis gebetet wurde. Darüber hinaus gab es an jedem Abend in der Kirche eine Maiandacht zu Ehren der heiligen Gottesmutter Maria. Bei den Bauern in den Dörfern rundum gab und gibt es manchmal noch immer deren kleine Kapellen, wo sich allabendlich im Mai fast alle Dorfbewohner zum Rosenkranzbeten und Liedersingen versammelten. Manchmal kam auch der Herr Pfarrer oder der Kaplan dorthin und hielt mit ihnen zusammen die Maiandacht. Oft bin ich da als kleiner Ministrant mitgegangen. Es gab ganz bestimmte Marienlieder, die gesungen wurden, die man heute als nichtssagend oder kitschig abtut, die leider auch aus den modernen Gesangs- und Gebetbüchern verschwunden sind, die ich aber sehr liebte, weil sie etwas so kindlich Gläubiges ausdrückten. Unsere liebe Köchin Fanni, die fast vierzig Jahre hindurch nicht nur für uns kochte und den Haushalt führte, sondern die auch uns zehn Kinder wie ihre eigenen großgezogen und betreut hat, sang diese Lieder oft beim Kochen und bei der Hausarbeit; und ich sang gerne mit ihr mit.

Auch der Herz-Jesu-Freitag wurde sehr gefeiert, da war die Kirche immer voll. Wenn man an – ich glaube – neun Herz-Jesu-Freitagen zur Kirche ging und zu den Sakramenten, dann war damit ein ,,Vollkommener Ablaß” (Vergebung aller Sünden) verbunden.

Bei den Wallfahrten gab es sowohl die Familienwallfahrten, als auch solche für bestimmte Gruppen, z.B. Männer- oder Frauenwallfahrten, oder für die gesamte Pfarrgemeinde. Diese Wallfahrten gab es auch in Verbindung mit den ,,Einkehrtagen” oder einer „Volksmission”. Unser Familien-Wallfahrtsort war die Kirche Maria Trost am Rohrbacher-Berg. Früher, in den schlechten Zeiten nach dem Krieg, fuhr man zuerst noch mit Lastwagen und alle saßen auf den auf der Landefläche aufgestellten Bänken oder standen dazwischen, später fuhr man dann schon in einem alten Autobus; nach Maria Bründl oder nach Maria Pötsch; später auch zu den Wallfahrtsorten Scharten und Mariazell.

Überhaupt waren Ausflüge sehr beliebt und sind es auch heute noch bei den Mühlviertlern. Man wollte einmal heraus aus der Enge und dem Eingeschlossensein. Oft waren solche Wallfahrten neben der Erfüllung eines Gelübdes auch ein sehr willkommener Anlaß, um ,,unter die Leut‘ zu kommen”, um in Gesellschaft zu sein, vor allem wenn man am Heimweg noch irgendwo einkehrte. Zu diesen Wallfahrten als einem Fenster nach draußen kamen und kommen noch immer viele Feste dazu, die einzelne Vereine, Orte oder Regionen zusammen veranstalten. Jubiläumsfeste der Feuerwehr oder der Musikkapelle, Heimatfeste mit ihren Umzügen und den früher häufigen ,,Lebenden Bildern” auf den von Pferden gezogenen Wagen, die in bunten Aufzügen einen Rückblick über Geschichte und Brauchtum des Landes gaben. Weiters gab es die Bürgergardefeste mit Scheibenschießen zu Kaiser Franz Josephs Geburtstag, auch noch in Zeiten der Republik, Bezirksjugendsingen, Pfadfinderlager und anderes. Nach dem Krieg gab es auch wieder viele Glockenweihen, denn die alten Glocken waren im Krieg eingezogen und eingeschmolzen worden, weil sie als Grundstoff für die Rüstungsindustrie dienten. Pfarrfeste und Kirchtagsfeste, Sommerfeste und Wiesenfeste, Erntedankfeste, Jubiläumsfeste und ähnliches wechselten einander ab. Die Wallfahrten dienten nicht nur der religiösen Erbauung und die Ausflüge und Feste nicht nur der Erfüllung eines sozial-kommunikativen Bedürfnisses nach Geselligkeit, sondern sie hatten neben der Bildung eines Zusammengehörigkeitsgefühls in einer Gemeinschaft durch ihren Anschauungscharakter auch einen großen und wertvollen Bildungswert. Oft fuhr ja entweder der Herr Pfarrer oder auch ein Lehrer, sonst ein Gebildeter oder sogar ein „Gstudierter”, der alles erklärte, mit. Viel Bildungsgut wurde so durch leicht verständliche Erläuterungen vermittelt. Nach dem Krieg bis lange in die Zeit der Russenbesatzung hinein, während der das Mühlviertel durch die Demarkationslinie bei Linz und Enns vom übrigen Österreich wie abgeschnitten war, was vor allem die wirtschaftliche Entwicklung und die Wiedererrichtung einer notwendigen Infrastruktur oder die Neuschaffung einer solchen erheblich erschwerte und verzögerte, war das Mühlviertel vom übrigen Österreich wie abgeschnitten. Man sprach sogar davon, daß das Mühlviertel im Vergleich zum übrigen Österreich in seiner Entwicklung um zehn Jahre zurückliege. In der Schule gab es keine Lehrbücher, ja nicht einmal das nötigste Unterrichtsmaterial. Deshalb hing für die Qualität des Unterrichts alles vom Bildungsstand und von der Fähigkeit des Lehrers oder der Lehrerin ab, das Wissen den Schülern in geeigneter Weise auch vermitteln zu können. Ich hatte in der Person des ,,Fräulein Schulz”, einer Frau von irgendwie unbestimmbarem Alter, dieselbe Lehrerin, die schon mein Vater gehabt hatte. Sie war sehr streng und freizügig im ,,Patzengeben” mit dem Staberl. Als solches diente ein Haselnußstecken oder – in schlimmeren Fällen – ein langes Lineal. Bei dieser „Züchtigung”, wie man das nannte, mußte man den Arm und die Hand ausstrecken und sie schlug einem dann mit dem Staberl kräftig auf die Finger, daß diese wie höllisches Feuer brannten und noch für lange Zeit ganz rot waren. Wenn man ihrer Meinung nach ganz schlimm gewesen war, bekam man einen ,,verkehrten Patzen”; das war einer auf die Finger des Handrückens, der besonders wehtat. Und wehe man zuckte dabei mit der Hand, etwa schon vorher, aus Angst vor dem baldigen plötzlichen Schmerz oder in der Hoffnung, den Patzen nicht ganz voll zu bekommen. Da bekam man dann zu dem einen gerade empfangenen gleich noch einen zweiten, dieses Mal noch kräftigeren Patzen drauf. Wehleidigkeit konnte sie nicht leiden. Das war für sie ein Zeichen von Schwäche. Im Mühlviertel ist die Härte zu Hause, sowohl was das Land und seine härteste Frucht, den Granit, betrifft, als auch die meist in sich sehr verschlossenen Menschen. ,,Das mußt aushalten”, hieß es stets bei Schmerz und Mißgeschick. Und fügte bei uns Kleineren noch hinzu: „Bis d’ heiratst, is’ eh wieda guad!”

Durch den Unterricht und auch bei den Schulausflügen lernten wir unser Land und seine Geschichte kennen. Dabei fiel mir auf, daß man, wenn man bei uns vom Mühlviertel sprach, eigentlich immer nur vom Oberen Mühlviertel redete. Freistadt und die Gegend östlich dahinter, das war für uns weit weg, war uns mehr oder weniger unbekannt und fast fremd. Erst viel später, auf den ersten Radtouren und bei Ausflügen, manchmal schon mit dem Auto, mit meinen Eltern, oder dann von Linz aus bei Schulausflügen, kam ich in dieses mir bislang fast unbekannte Untere Mühlviertel und lernte so auch erst spät seine Geschichte kennen, seine Burgen und Schlösser, die herrlichen, in ihrer Schlichtheit so beeindruckenden gotischen Landkirchen – wie die von St. Michael ob Rauchenödt (Oberrauchenödt) – und auch den berühmten Kefermarkter Altar und die mittelalterliche Stadt Freistadt.

Wiederum erst sehr viel später befaßte ich mich dann genauer und eingehender mit der Geschichte und Kultur dieses anderen Teils des Mühlviertels und stellte dabei einen ziemlichen Unterschied fest in der Mentalität und in verschiedenen Erscheinungsformen der Kultur und des Lebens im Vergleich zum Oberen Mühlviertel und hier insbesondere zur Böhmerwald-Region, aus der ich stamme.

Der Nordwesten des Oberen Mühlviertels, das an Bayern und an die Tschechei grenzt, ist landschaftlich, klimatisch, kulturgeschichtlich und in Bezug auf die Siedlungsgeschichte und die Wirtschaftsentwicklung auch vom Böhmerwald und seinen Ausläufern mitbestimmt. Die höchsten Erhebungen dieses Urgesteinsgebirges, das zur Donau hin zuerst in hügeligen Wellen und dann jäh und steil abfällt, sind der Hochficht (1337 m), der Sternstein bei Leonfelden und der Ameisberg bei Pfarrkirchen. Den Nordosten des Unteren Mühlviertels beherrscht der Freiwald, der sich im Weinsberger Wald fortsetzt, mit seiner höchsten Erhebung, dem Viehberg (1172 m), in der Nähe des durch seine schönen Hinterglasbilder im 19. Jahrhundert berühmt gewordenen Ortes Sandl, der auch jahrelang Aufenthaltsort und Heimat des österreichischen Schriftstellers Herbert Eisenreich war. Beide Teile des Mühlviertels hatten eines gemeinsam: Die unpassierbare, mit Elektrozaun und Wachttürmen abgesicherte Grenze zum Nachbarstaat CSSR, die zum ,,Eisernen Vorhang” gehörte, der den „Ostblock” umgab, der so vom Westen herüben hermetisch abgeschlossen war. Dieser „Eiserne Vorhang” war – abgesehen von den Grenzübergängen nördlich von Freistadt und Bad Leonfelden – gleich nach dem Zweiten Weltkrieg niedergegangen. Die deutsche und österreichische Bevölkerung hat man aufgrund der Zustimmung der Alliierten zu den Benesch-Dekreten brutal aus ihrer Heimat vertrieben. Der „Eiserne Vorhang” war das sichtbare und spürbare Zeichen des Angrenzens der Republik Österreich an den Ostblock und bildete eine unüberwindliche Barriere zwischen dem, was früher jahrhundertelang ein gemeinsamer Lebens-, Wirtschafts- und Kulturraum gewesen war. Ab da gab es dann das Pendlerwesen und die Entsiedlung der Grenzgebiete sowie die damit verbundene verstärkte Orientierung nach dem Süden, hin zum oberösterreichischen Zentralraum, vor allem nach Linz. Flüsse, Straßen, Täler – alles verläuft vom Norden nach Süden. Die West-Ost-Verbindung quer durch das Mühlviertel ist für den Verkehr erst relativ spät durch den Ausbau der Sternwald-Bundesstraße, die von Wegscheid bzw. Aigen über Rohrbach, Haslach und Leonfelden nach Freistadt führt, und für touristische Fußgeher durch die Errichtung des Nordwaldkammweges geschaffen worden. Weiterhin bleibt aber die Nord-Süd-Orientierung als vorherrschend und prägend bestehen. Das Mühlviertel hatte seine Bedeutung seit jeher dadurch, daß der kürzeste Weg von Italien nach Böhmen, von der Donau zur Moldau, durch dieses Gebiet führt. Es waren diese Handelswege, auf denen das Salz vom Süden nach Norden gebracht wurde. Diese Handelswege wurden, wie später dann auch die Rodungssiedlungen, durch viele Burgen geschützt und befestigt. Viele Ruinen von Burgen und Schlössern legen noch heute Zeugnis ab von der Besiedlung und Urbarmachung dieses dem Nordwald abgerungenen Landes.

Im Mühlviertel haben sich – wie anderswo auch, aber hier doch vielleicht aufgrund der besonderen geographischen Lage und besonderen Strukturierung in kleinere Einheiten – die Lebens- und Wirtschaftsformen in den letzten hundert Jahren ganz entscheidend verändert. Dies geschah einerseits langsam aber stetig, in einem in seinen Auswirkungen oft gar nicht gleich feststellbaren Entwicklungsprozeß über Generationen hin, andererseits aber auch sozusagen schubweise, durch exakt feststellbare Änderungen in den Wirtschafts- und somit Sozialbedingungen, durch Einführung neuer Technologien, sowohl in der Landwirtschaft, als auch im Gewerbe und im Handel, vor allem aber durch den Beginn der Industrialisierung, durch Veränderungen der Rohstofflage und nicht zuletzt durch grundlegende Veränderungen der politischen Verhältnisse und Grenzen in Europa nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, durch die zehn Jahre lang andauernde Besatzung durch die Siegermächte (Russen), durch den anschließenden wirtschaftlichen Aufschwung, durch die Schaffung und Entstehung einer neuen Infrastruktur.

Waren im vorindustriellen Zeitalter neben der Landwirtschaft das Handwerk und das Gewerbe die ausschlaggebenden Wirtschaftsfaktoren – was bedeutete, daß der Erwerbstätige beim Erwerb seines Lebensunterhaltes auch über die eigenen Produktionsmittel verfügte und somit weitgehend selbständig und unabhängig war – so brachte die Industrialisierung die Lohnabhängigkeit mit sich und mit der damit verbundenen Abnahme der Selbstversorgung ein immer stärkeres Ansteigen und ein immer dichteres Netz von Dienstleistungen. Es entwickelte sich die heutige Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft. Es entstand der Arbeitsplatz, der – vor allem im Mühlviertel durch das Pendlertum – schon weitgehend nicht mehr ident war und ist mit dem Wohnplatz und dem Siedlungsort. Die landwirtschaftlichen Betriebe waren oft zu klein und was die Produktionsbedingungen betraf zu wenig qualifiziert, sodaß der daraus erwirtschaftete Ertrag die gestiegenen Lebenskosten nicht mehr abdecken konnte und kann. Der nicht landwirtschaftliche Zuerwerb wurde zur Notwendigkeit und bildet noch heute einen wesentlichen wirtschaftlichen, aber auch sozialpolitischen Faktor. Weit mehr als die Hälfte aller landwirtschaftlichen Betriebe wird von sogenannten Nebenerwerbsbauern betrieben. Bereits in den Fünfzigerjahren setzte eine überaus starke Pendlerbewegung in den oberösterreichischen Zentralraum und hier vor allem nach Linz ein, die durch die Gründung der VOEST und der Stickstoffwerke sowie anderer Industriebetriebe weiterhin eine starke Intensivierung erlebte. Vor allem die Grenzgebiete im Norden des Oberen Mühlviertels wurden vom Wochenpendeln erfaßt. Im Mühlviertler Raum in der Nähe von Linz, vor allem im Unteren Mühlviertel, entwickelte sich das tägliche Pendlertum. Die Folge davon sowie des weiter zunehmenden Mangels an Arbeitsplätzen war in der Grenzregion im Norden des Mühlviertels Bevölkerungsschwund und Entsiedlung. Die Gemeinden St. Stefan am Walde, Afiesl, Schönegg und das Gebiet um Guglwald waren und sind noch immer von der Abwanderung am stärksten betroffen. Infolge der notwendigen Mechanisierung der landwirtschaftlichen Betriebe, die aus Gründen der Wettbewerbsfähigkeit dringend erforderlich war, kam es zu einer „Freisetzung” von Arbeitskräften im Agrarbereich. Aufgrund der nicht mehr ausreichend vorhandenen Industrie- und Gewerbeansiedlungen sowie Dienstleistungsbetriebe und der noch nicht ausgebauten Infrastruktur im Problembereich konnten diese freigesetzten Arbeitskräfte nicht in diesen Randzonen selbst, aber auch nicht in den Zentralorten des Regionalraumes – wie Rohrbach, Bad Leonfelden, Freistadt – zur Gänze vom Arbeitsmarkt aufgenommen werden. Es gab zu viele Arbeitskräfte und zu wenig Arbeitsstellen. Das ist auch heute noch so. Der Sog von Linz aus und von den dort gebotenen Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten war und ist unvermindert stark. Man kann und soll sich vorstellen, was der Verlust dieser Arbeitsplätze in Linz, hier vor allem in der Verstaatlichten Industrie, für diese Problemregion Mühlviertel bedeutet und welche Auswirkungen damit verbunden sind. Durch Strukturplanung und gelenkten Strukturwandel versucht man, diese Entwicklung in den Griff zu bekommen. Das Ziel ist die Schaffung einer spezifischen Infrastruktur was den Bereich der Industrie, aber auch den Dienstleistungssektor sowie Handel und Gewerbe betrifft. Diese Strukturmaßnahmen werden sich vor allem auf die regionalen Zentralräume (Rohrbach, Freistadt) konzentrieren und erstrecken müssen.

Entscheidendes ist auf diesem Gebiet schon geschehen. Großartige Leistungen sind erbracht worden. Denken wir nur an den Gesundheitsbereich, an die neuen Verwaltungsstellen, lnteressensvertretungen sowie an die Schulen und Bildungseinrichtungen. Das alles hat bereits Früchte getragen. Das Ziel aber wird vor allem jenes sein müssen, das Mühlviertel aus der verhängnisvollen Abhängigkeit von der Landeshauptstadt Linz zu lösen; und zwar dadurch, daß dieses Gebiet zu einem in wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Hinsicht eigenständigen Lebensraum gestaltet werden muß, dies jedoch sollte mit jener Behutsamkeit, Überlegung, Einsicht und Sorgfalt, aber auch mit dem nötigen Weitblick geschehen, daß das Land zwar aufblüht, aber nicht seinen besonderen Charakter und seine Identität verliert.

Jedes Mal, wenn ich – so wie viele andere auch, vor allem Linzer, die sich im Mühlviertel ihre Wochenendhäuser gebaut oder verlassene Bauernhöfe zu solchen umfunktioniert haben – in dieses Land nördlich der Donau hinaufkomme, und bei St. Peter am Wimberg die steinernen Marterln sehe, die mich als Zeugen einer längst vergangenen Zeit begrüßen, wenn ich die ersten, selten gewordenen Hopfengärten sehe, wenn von weither schon der Kirchturm und der mächtige Pfarrhof von St. Peter am Wimberg mich begrüßen, und wenn mich bei einer kurzen Rast der Duft der Wälder, Wiesen und Felder umfängt, wenn die Löwenzahnblumen im Frühling ein einziges gelbes Blütenmeer sind, wenn ich am Wegrand die kleinen Steinnelken sehe oder einen Flecken mit den weißen Margeriten und mittendrin die blauen Glockenblumen, wenn im Sommer das Getreide im Wind sich wiegt, wenn ein Kuckuck schreit oder eine Lerche hoch oben im Himmel trillert, oder wenn im Winter eine endlos scheinende Schneedecke alles verhüllt und die entlaubten Obstbäume stumme Zeichen am Wegrand sind, dann umfängt mich meist ein mir sehr vertrautes Gefühl, das mir sagt, daß ich daheim angekommen bin.

Wenn ich dann hoch oben im Böhmerwald den Schwarzenberg’schen Schwemmkanal entlang gehe und ein wenig später von der Aussichtswarte am Moldaublick hinein ins Böhmische sehe, über den Moldaustausee bis hin nach Oberplan, dem Geburtsort jenes Dichters, der wie kein anderer die Landschaft des Mühlviertels und des Böhmerwaldes erfaßt und künstlerisch vollendet ausgedrückt hat, nämlich Adalbert Stifter, wenn mein Blick auf Glöckelberg und zur Ruine Wittinghausen, dem Stammsitz der Rosenberger, sich wendet, und rund um mich nur Wald und eine wunderschöne, eindringliche Stille ist, dann erfaßt mich eine tiefe innere Ruhe, eine Gelassenheit, von der ich mir vorstelle, daß sie die richtige Haltung im Leben sein könnte und sein sollte. Alles fügt sich wie zu einem Ganzen des Lebens zusammen. Das ist es, was mich dieses Land gelehrt hat, diese meine Heimat, dieses von mir geliebte Land.

Wien, 19. Jänner 1988

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