Reisegedichte

ABEND IN VENEDIG

schwarze gondeln
liebespaare

spiegelbilder
tanzen wild

kirchenkuppeln
abendlicht

dein roter mund
an einem glas

in einer stunde
fährt mein zug

Venedig, Ostern 1978

VENEDIG-NOTIZEN

Der Himmel ist blau.
Die Fensterläden sind grün.

Die Steinmauern sind grau.
Die Dachziegel sind rot.

Die Stiege ist steil.
Der Turm ist hoch.

Die Tür ist verschlossen.
Das Wasser ist schwarz.

Der Tod ist mir nah;
ist mir näher als sonst.

Von irgendwoher
ertönt noch Musik.

Venedig, 2.-3.2.2007

IM MARKUSDOM

dunkle goldmosaiken
an wänden und kuppeln

die gestalten von heiligen
und von engeln rundum

immer ist es die stille
die mich hier aufnimmt

ein altar ist beleuchtet
davor das ewige licht

das bild des gekreuzigten
in einem kostbaren schrein

der steinboden ist gewölbt
als versinke mit ihm die zeit

Venedig, 2.-3.2.2007

VENEDIG
Tagesnotiz

stundenlange
fußmärsche
durch enge gassen
die kanäle entlang

bilder betrachtet
oder skulpturen
in einem museum
alte instrumente

geigen aus Cremona
auch ein violoncello
musik von Albinoni
und Vivaldi gehört

auf der Rialtobrücke
staunend gestanden
im letzten abendlicht
und wie im glück

Venedig, 4.2.2007

ROM

Das Licht
an den Mauern.

Das Leuchten
in mir.

Rom, Mai 2005

ABEND IN ROM

Ein Abend hineingedunkelt
in eine Frühsommernacht.

In den Straßen und Gassen
das turbulente, laute Leben.

Für viele Liebespaare
Augenblicke der Liebe.

Harmonikamusik und
Stimmen, lautes Lachen.

Lichterglanz an Brunnen,
Palästen, Piazzas, Kirchen.

Platanenäste hinabgewunden
über die Ufer des Tibers.

Kaum hörbar meine Schritte
auf dem noch warmen Stein.

Rom, 30.5.2005



ABENDSPAZIERGANG IN ROM

In der Dämmerung versinken
Kirchen, Plätze, Paläste.

Die Steine der Brücken
sind warm noch vom Tag.

Die geschauten Bilder in mir
beginnen zu leuchten.

Die großen Platanen sind
schwarze Wächter geworden.

Gebäude, Kuppeln und Brunnen
erstrahlen im Scheinwerferlicht.

Auf dem Wasser des Tibers
fließt schimmernd das Gold.

Rom, 23.5.2005

AM CAMPO DE’ FIORI

Mit einem Glas Wein
in der einen,
mit einer Zigarette
in der anderen Hand
sitze ich am Abend
am Campo de’ Fiori,
sehe dem Treiben
der Menschen zu,
sehe die wunderbar
erotischen Mädchen,
sehe Umarmungen
und innige Küsse
und spüre nichts mehr
vom Gewicht der Welt.

Rom, 26.5.2005

WIEDERKEHR NACH ROM

wieder die alten wege gehen
am morgen die tiberufer entlang
unter den herbstlich gefärbten
blättern der großen platanen

über die engelsbrücke gehen
die engel von bernini begrüßen
besonders jenen mit dem kreuz
der dieses hält wie eine geliebte

hinüberschlendern nach trastevere
damals das große musik-erlebnis
der aufführung der messe in c-dur
von joseph haydn am pfingstsonntag

die begegnung mit dem da oben am kreuz
mit diesem stets nur stummen gekreuzigten
jesus von nazareth der an der wand hängt
und ich unterhalb sitzend demütig und klein

dann am campo de fiori entspannung
bei lautem trubel beim ersten glas wein
die wunderschönen vormittagsfrauen
gerade erst verabschiedet den liebsten
schon ausschauend nach dem nächsten

etwas berauscht durch die engen gassen
ziellos einfach nur so dahingehen und mich
treiben lassen wohin es mich eben so treibt
das alles war damals vor so vielen jahren

jetzt bin ich endlich hierher zurückgekehrt
zu dieser herzstation meiner lebensreise
und alles ist wie ein verglühendes feuer
nun noch einmal erlebt tief drinnen in mir

Rom, 7.-10.10.2021

AUGENBLICKE IN ROM

der panoramarundblick                              die wiederkehr in die stille von
von der hotelterrasse                                  sant’antonio dei portoghesi
hoch oben auf die stadt                              und dort das leise orgelspiel

der lärm und das treiben                           das schatten spendende geäst
dieses pulsierende leben                           an den tiberufern wo wir gehen
auf der piazza navona                               und ich mich an damals erinnere

das plätschern des wassers                       die feierliche friedhofsstille
von der großen fontana di trevi                am campo santo teutonico
mit den menschenmassen davor              gleich beim petersdom

das lächeln der madonna                          mein tiefes betroffensein
auf einem bild so als würde                       in der synagoge so als ob
sie mich persönlich begrüßen                    ich einer von ihnen wäre

deine stets hilfreiche hand                         das gemütliche biertrinken
da es schwierig für mich ist                        am turbulenten campo de’ fiori
hindernisse zu überwinden                        das schreiben eines gedichts

                                                                  Rom, 15.10.2021

AUF DEM PALATIN

In den stillen Gärten
blüht ein Geheimnis.

Inschriften zeugen
von Vergangenem.

Götterbilder aus Stein
als Torsi vollendet.

Ein sanftes Lächeln
auf einem Gesicht.

Ruinen durchschreiten
in die Vergangenheit.

Die roten Mauern
erglühen im Licht.

Orangen in Bäumen.
Blumen am Weg.

Rom, 23./24.5.2005

IN EINER KIRCHE in Rom

schlagartig bin ich
in einer anderen welt

durch ein kleines fenster
hoch oben in der kuppel
fällt in diese heilige stille
mattes abendlicht herein
und es umhüllt mich so
als wäre ich auserwählt

man hört nur das geräusch
von schritten auf dem boden
dann aber auch den choral
gesungen vom mönchschor
und wiederholt die worte
halleluja halleluja halleluja

später aber dann ebenso das
misericordia misericordia mea

Rom, 9.10.2021

LONDON-IMPRESSIONEN I

alte rote autobusse
paläste boulevards

dazwischen das grün
der großen parks

am straßenrand
in hauseingängen

menschenbündel
in decken gehüllt

ein junger bettler
mit einem hund

die dunklen augen
afrikanischer frauen

das hellblonde haar
einer englischen lady

schwarze limousinen
gleiten lautlos vorbei

neonreklame beleuchtet
grellbunt die szenerie

aus einem solchen bild
fallen buchstaben heraus

irgendwohin in die leere
die alles ringsum umgibt

London, 7./8.5.2002

ABEND IN LONDON

backsteinrot
die kathedrale

weiße bänder
durchziehen

wie lebenslinien
den hellen stein

aufgeblaut hat
nun der himmel

kühl geworden
ist es am abend

alle geräusche
sind verstummt

ich denke zurück
an mein leben

sehe die spuren
vergangener zeit

London, 7.5.2001

WESTMINSTER ABBEY

Georg Friedrich Händel
als graue marmorgestalt

William Shakespeare
mit einer schriftrolle

rote krepppapierrosen
umhüllen gedenktafeln

wappenfahnen gereiht
als zeichen der macht

der krönungsstuhl
aus gehärtetem holz

die marmornen leiber
die steinernen särge

schwarze eisengitter
schwerter und kronen

hingezauberte schönheit
des zarten netzgewölbes

durch die hohen fenster
fällt das letzte tageslicht

London, 9.5.2002

IRISCHE LANDSCHAFT

ein bild
wie im traum

schwarzes wasser
mitten durch’s grün

jenseits des ufers
ein verlassenes haus

ein rotes hausboot
durchkreuzt den kanal

bewegungslos steht
ein weißes pferd

hörbar ein zug
weit in der ferne

auf den steinen
das letzte licht

bald wird es nacht
und dies auch in mir

Monasterevin, 26.7.1999

DAS GROSSE STEINKREUZ

hoch aufragend
das steinerne kreuz

ein zeichen hinein
in den himmel

und rundherum
geschlossen der ring

zeichensprache
für unendlichkeit

nichts geht verloren
trotz der zerstörung

auch an den relikten
lernen wir erkennen

alles ist für immer
miteinander verbunden

nur bindeglieder sind wir
zwischen einst und jetzt

vielleicht eine brücke
hinüber zur ewigkeit

Kloster Glendalough
Dublin, 6.8.1999

DAS KLEINE KREUZ

jahrhunderte lang
steht es schon da

als zeichen und zeugnis
unbekannte geschichte

namenlos ist am ende
menschliches schicksal

nur der himmel kennt
vielleicht das geheimnis

uns bleiben nur zeichen
inschrift mauern aus stein

und das sanfte licht
über den gräbern

Kloster Glendalough
Dublin, 6.8.1999

GLENDALOUGH

Inschriften und Steine
geben noch Zeugnis
von einstiger Größe;

und die Ruinen
von der Vernichtung.

Hoch ragt der Turm auf
zwischen den Kreuzen
und über den Gräbern.

Die Mönche des Hl.Kevin
in dieser Klosterstadt;
vor fast 1.500 Jahren.

Kloster Glendalough
Dublin, 6.8.1999

IRISCHER FRIEDHOF

einen grünen stein
nehme ich mit
von deinem grab

Margaret Nash
geboren 1926
gestorben 1995

braun ist die erde
braun ist das gras

grau sind die steine
der gräber rundum

der wind weht
über die hügel

und alles ist hell
im morgenlicht

Monasterevin, 27.7.1999

AUSBLICK IN IRLAND

im blauen zimmer
erwachen die träume

der blick übers grün
hinunter zum meer

auf der steinmauer
blumen und blüten

fern auf dem hügel
ein einsamer baum

Dingle/Irland, 28.7.2000

DUBLINER SPAZIERGÄNGE

den fluß hinauf
die mauern entlang
wasser und steine
himmel und licht

häuserfronten
und hinterhöfe
da und dort auch
verschlossene türen

der blick hinüber
ans andere ufer

von ferne leuchtet
eine grüne kuppel
markiert ein turm
mir richtung und ziel

autobusse
fahren vorbei
zu endstationen
irgendwohin

sehnsuchtslos
durchstreife ich
verlassene räume
unbekanntes gebiet

immer tiefer gehe ich
hinein in den abend
in die glutrot
erleuchtete nacht

Dublin, 2.8.1999

TRINITY COLLEGE LIBRARY

im dunklen raum
die wände hinauf

in leder gebunden
tausende bücher

niederschrift
geistigen lebens

wissen und forschen
erkenntnis der welt

fragen der menschheit
versuch einer antwort

die große stille im raum
durch ein fenster das licht

Dublin, 2.8.1999

NEWGRANGE

vor mir aufgerundet
und ferne der hügel

die flache kuppe
der gräberstadt

von einem breiten ring
aus steinen umgeben

umschlossen
wie ein kleinod

weit ausgebreitet
das grüne land

die grabkammer innen
der weg für das licht

an einem einzigen tag
für wenige stunden

vor fünftausend jahren
für die ewigkeit gebaut

vollkommene architektur
eines lebendigen lebens

steine steine steine
und von ferne ein licht

Dublin, 8.8.1999

ALLE DIE BRÜCKEN

ging über die brücken
in Sarajevo Mostar Paris

ging über die brücken
in Belgrad Moskau in Wien

ging über die brücken
Venedigs in Hamburg in Rom

ging über die brücken
Amsterdams und in Florenz

ging über die brücken
in London in Zürich in Genf

ging über die brücken
der Donau der Themse

ging über die brücken
der Mosqua des Tiber

ging über die brücke
von Linz nach Steyregg

stehe nun auf der brücke
über die Moldau in Prag

Prag, 7.11.1994

ERINNERUNG AN BUDAPEST

an den beiden ufern der Donau
entlang ging ich am abend dahin

die herbstsonne leuchtete noch hell
die schatten der bäume waren dunkel

in die dämmrige stille der kirchen
trat ich gerne von zeit zu zeit ein

ich erinnerte mich an liebesstunden
an die leidenschaft eines sommers

bronzene statuen blickten gelassen
auf die vergangenen jahrhunderte

ein kind ging mit einem luftballon
an der hand seiner mutter vorbei

draußen an den quais lagen schiffe
winterbereit und schon stillgelegt

ein pack zeitungen lag unbeachtet
auf einem tisch in einem kaffeehaus

ich schlug eine auf und da stand
die nachricht von deinem tod

Zum Gedenken an
den Dichter Zóltan Vér
Budapest/Wien, 13./23.10.2001

SPAZIERGANG IN PRAG

unter der brücke
das schwarze wasser
der Moldau

spielzeugklein
die weißen schwäne
darauf

am ufer verankert
ein grünes schiff
segel flattern im wind

goldene kuppeln
über den dächern
der häuser

majestätisch
die hohen türme

monumental
die skulpturen

verehrungswürdig
das steinerne kreuz

allein und schweigend
gehe ich meinen weg

nebel legt sich schon
auf die hügel rundum

glocken ertönen
und uhren schlagen
mahnend die zeit

Prag, 15.1.2000

IN EINEM PRAGER CAFÉ

das fremde gesicht
eines alten mannes

hinter einem fenster
mit weißem rahmen

auf einer fotografie
in einem Prager Café

sieht mich forschend
und neugierig an

draußen verschimmert
graublau der abend
im letzten licht

die menschen gehen
hastig oder müde
irgendwohin

ein mädchen steht
an der haltestelle
der straßenbahn

da denke ich plötzlich
an einen fernen frühling
an eine vergangene liebe

in einer zeitung sehe ich
das bild von menschen
in kellergewölben

und weiß
in Tschetschenien
ist immer noch krieg

Prag, 14.1.2000

SARAJEVO IM KRIEG

von den hügeln der stadt
plötzlich schüsse hinein

in die menge der menschen
die für den frieden sind

ein opfer ausgesucht
durch das zielfernrohr

die granaten schlagen löcher
in die wände der wohnblocks

von ferne gesteuert
dieser anonyme tod

auf den steinmauern
der festung Vraca

noch immer die namen
der opfer von einst

gewalt und völkermord
als instrument der politik

und später dann wieder
die namen der opfer von jetzt

auf einem anderen mahnmal
mit kränzen und blumen davor

Für Izet Sarajlić, Nermin Tulić, Samir Delić, Dara Sekulić
und die anderen Freunde

Wien, 14.4.1992

ZAGREBER NOTIZEN 3/1992/II

ein müder gardist
im lift neben mir

vom fünfzehnten stock
des hotels panorama

hinunter zum frühstück
hinunter zur rezeption

er keine zwanzig jahre
ich jenseits der fünfzig

er kämpfer im krieg
ich pazifist

er riecht nach schweiß
ich nach eau de cologne

er in kampfstiefeln
ich in modischen schuhen

er mit dem rosenkranz
dem bild der madonna

mit dem messer am gurt
mit dem emblem am barett

ich mit dem reisepaß
in der manteltasche

auf der rückreise
nach wien

Zagreb/Wien, 28.-29.3.1992

ZAGREBER NOTIZEN 3/1992/VII

an jedem morgen
die tourismuspropekte

vom hotel panorama
fein säuberlich aufgelegt

auf den tischen im foyer
vor dem frühstücksraum

die verlogenen werbebilder
versprechen eleganten luxus

aber es gibt keine touristen
und es tagt keine konferenz

die automaten im spielsalon
sind seit langem außer betrieb

die boutiquen geschlossen
überall nur spärliches licht

frauen und kinder beim frühstück
die männer rauchen und reden

sie alle sind hier gestrandet
in einer fremden wirklichkeit

sie haben die heimat verloren
aber doch das leben gerettet

sie alle ahnen es gibt für sie
keine zukunft und kein zurück

Zagreb/Wien, 28.-29.3.1992

AUSGESTOSSEN

an einer straßenecke
irgendeiner ulica

im niemandsland
dieser großstadt

zeigt mir wortlos
ein zigeunerkind

die brandwunden
auf seiner brust

die kinderaugen
blicken ins leere

ich kaufe mich los
von diesem elend

mit einem geldschein
der nicht mehr wert ist

als die zigaretten
in meiner hand

Zagreb, 25.10.1988

HERBST IN ISTANBUL

Weiße Schiffe
liegen im Hafen.

Von den Bäumen
fällt lautlos das Laub.

Am Abend flackert
golden die Sonne

in den Scheiben
der Fenster.

Und schattenlos
zerbricht die Zeit.

Istanbul, 20.10.1999

IM RILA-KLOSTER

drei kerzen
habe ich angezündet
vor dem Muttergottesbild

eine für meinen vater
eine für meine mutter
eine den geschwistern

dann stand ich noch
eine weile im raum
ohne ein gebet

denn ich dachte mir
diese stille ist gut
sie genügt allen

den lebenden
wie den toten

Rila-Kloster in Bulgarien, 2.11.1991

JÜDISCHER FRIEDHOF
HAMBURG

mit einer muslimin
aus Sarajevo

besuche ich hier
den jüdischen friedhof

auf den gräbern
blühen schon narzissen

wir lesen die inschriften
geburts- und sterbedaten

auffallend das fehlen
von datierungen ab 1940

die judenverfolgungen
die nazizeit sage ich

deshalb beim eingang
das denkmal mit namen

und die urne mit
Asche aus Auschwitz

Hamburg, 16.4.1991

HERBST IN BLED

friedvolle stille
liegt über dem see

durch das wasser
gleitet ein boot

das laub ist schon
herbstlich gefärbt

ruhig ziehen
die schwäne dahin

vom himmel fließt
langsam die nacht

über die hügel
herab in das tal

Wien, 9.10.1986

HIER JETZT IN MOSKAU

der blick hinaus
in die schwarzblaue nacht
ein flecken himmel erleuchtet
von den scheinwerfern des Kreml
mein blick tief hinein und zurück
in meine kindheit ins damals zurück
ich sehe mich am fenster stehen als kind
ich schaue hinaus in den kriegswinter
die leuchtspuren von granaten geschützen
zeichnen den tod hinein in den himmel
später die schwarzen stiefel auf dem boden
die rauhen worte einer fremden sprache im raum
Aljoschas schönes gesicht sein helles lachen
unauslöschlich die angst in den gesichtern der menschen
damals nach dem großen krieg nach dem großen morden
für wahnsinnsideen zur verteidigung des vaterlandes
damals vor fast fünfzig jahren ich ein kleines kind
in einer schwarzblauen nacht mit leuchtspuren am himmel
jetzt sitze ich hier an einem küchentisch spätnachts
in einer wohnung in Moskau und sehe die bilder der kindheit
so klar im gedächtnis wie die bilder von heute und jetzt
die frage von damals als kind wann fahre ich endlich
nach Rußland nach Moskau hat ihre antwort gefunden
denn jetzt bin ich hier bin angekommen auch ich
und schreibe wort für wort auf papier die zeichen des lebens
denke und frage was sind denn nun die zeichen des lebens
für mich für jeden von euch für uns alle und stelle die frage
was lebt in mir als zeichen des lebens als zeichen der zeit
was ist lebendig geblieben was bedeutet des lebens geheimnis
am ende als ganzes die liebe der tod die freiheit das wort
immer sind wir von allem ein rest nur ein bruchstück ein torso
so denk ich oder sind wir nur Gottes geheime verlorene spur

Moskau, 12.10.1994

PETERSBURGER NÄCHTE

so sind wir durch die nacht gegangen
der himmel war noch voller abendrot
silbrig schwarz glänzte die Newa
an einer straßenecke an einem kiosk
habe ich eine flasche kognak gekauft
die haben wir dann langsam leer getrunken
ich habe mich erinnert an die gesichter
von Aljoscha Sergej und den andern
Swetlana und Julia gingen arm in arm mit mir
durch diese herrliche St.Petersburger-Nacht
wir schickten flaschenpost ins niemandsland
wer wird sie finden wo wird sie stranden
wieder einmal provozierte antwortlosigkeit
aber wie schön wie poetisch sagte Swetlana
Julia lachte und meinte ein flaschengedicht
das paßt gut zu dir mein romantischer dichter
unsere gesichter leuchteten rot und erhitzt
im schein der straßenlaternen am uferweg
wieder sah ich viele gestalten der kindheit
vor mir wie in einem schattentheater von damals
jetzt auf der wasseroberfläche der Newa tanzen
ich hörte das laute lachen von Peter dem Großen
wir sangen ein lied klatschten und tranken
den himmel das licht den kognak das wasser
des stroms und waren jenseits von grenzen
und meinten wir seien auch frei

St. Petersburg, 10.10.1994

PANORAMA ST. PETERSBURG

von den kollonadengängen
der St. Isaakskathedrale herab
der phantastische rundblick
über die herrliche stadt
dort ist die Eremitage
mit meinem zeigefinger
zeige ich in die ferne
das lächeln eines mädchens
bezaubert mich eine weile
dann denke ich an die toten
hunderttausende hungertote
in der eingeschlossenen stadt
Leningrad damals im winter 1941/42
ich höre den donner der geschütze
von der Aurora im Oktober 1917
plötzlich musik von irgendwoher
die sonne erleuchtet jetzt grell
einen streifen himmel am horizont
im abendrot erglüht das häusermeer
eine kuppel glänzt golden im licht
so hell daß es schmerzt in den augen
der schmerz bewahrt die erinnerung
sage ich plötzlich laut vor mich hin
der ton einer schiffssirene von ferne
New York fällt mir ein die hafenszenerie
unser spaziergang im winter die möwen
wer bin ich was tue ich hier und wozu
den russischen oberst seh ich vor mir
wie er Rilke-Sonette zitiert 1946
in meinem elternhaus in der diele
noch einmal mein blick über das panorama
der stadt die kirchen paläste die parks
dann steige ich wieder die stufen hinunter
trete noch einmal vor das bild der Madonna
entzünde das licht einer kerze vielleicht
damit es mir leuchtet im dunkel der nacht

St. Petersburg, 8.10.1994

ABSCHIED IN DUBROVNIK

wir trinken wein
im lautlosen dunkel
der angebrochenen nacht

immer wieder der blick
auf die erleuchtete stadt
filmkulisse märchenwelt

von den vielen worten
sind wir am ende doch
ins schweigen gekommen

wir spüren das gewicht
eines abschieds für immer
schmerzhaft ist die berührung

nichts erreicht noch sein ziel
alles verlöscht im bruchteil
einer zerbrechenden zeit

die weißen perlen der kette
schimmern an deinem hals
deine haut duftet nach zimt

an einem orangenbaum über uns
sind blüten und früchte zugleich
windbewegt im schwarzen geäst

wirst du wiederkommen fragst du
vielleicht im sommer im herbst
nein sage ich und du weißt es

Dubrovnik, 22.4.1993

ABSCHIED VON ROM II

Die geschauten Bilder
nehme ich mit mir mit.

Die milde Sehnsucht
nach Kuppeln im Licht.

Das Grün des Tibers.
Den Platanenschatten.

Das Wasserrauschen
römischer Brunnen.

Den Lärm in der Nacht,
fast bis zum Morgen.

Die Schreie der Möwen
über den Häuserdächern.

Die Erinnerung an uns wie
an ein vergangenes Leben.

Doch etwas wird bleiben
und warten auf mich.

Rom, 23.5.2005

RÜCKKEHR NACH WIEN

ankommen solltest du am besten
an einem kalten tag im oktober
in den ersten stunden des tages
wenn das harte licht der sonne
im schmalen winkel die fassaden
der paläste und häuser bestrahlt
an einem bahnhof verläßt du
unausgeschlafen den nachtzug
niemand wird dich erwarten
du bist wie immer allein
doch du kennst diese stadt gut
ebenso wie deine erinnerungen
paketwagen rollen an dir vorbei
frachtgut von ferne aus übersee
plötzlich fühlst du dich fremd
noch bevor du wirklich da bist
alles ist bruchstück denkst du
erinnerst dich an den abschied
immer nur diese aufenthalte
ohne ein wirkliches bleiben
nichts berührt dich wirklich
du denkst an deine geliebte
aber du bleibst gleichgültig
ein taxi biegt um die ecke
du steigst mechanisch ein
kramst nach deinen schlüsseln
in einer deiner hosentaschen
denkst an den jüdischen schneider
sagst plötzlich Auschwitz Treblinka
der taxifahrer dreht sich nach dir um
du beginnst eine geschichte zu erzählen
denkst an deine verlassenen kinder
an die märchen spätnachts ihr weinen
denkst alle worte sind bedeutungslos
und alles gerede ist sinnlos und leer
du siehst den schwarzen sarg in der kirche
umgeben von vielen kränzen und blumen
jemand fällt dir ins wort da du sprichst
über die wiesenhügel gehst du barfuß
der tau benetzt deine wunden füße
eine möwe stürzt vom himmel herab
und ein pfeil trifft dich mitten ins herz

Wien, 15.10.1992

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